Von Hans-Werner Bartsch

Kein christliches Fest scheint so radikal der Begründung in geschichtlicher Wirklichkeit zu entbehren wie das Osterfest. Für Weihnachten bleibt dem größten Skeptiker die Tatsache unbestreitbar, daß Jesus geboren ist, für den Karfreitag ist sicher, daß Jesus die Strafe der Rebellen, die Kreuzigung erlitt. Und selbst das Pfingstfest läßt sich auf die nicht zu bestreitende Tatsache der ersten christlichen Predigt zurückführen.

Dagegen scheint ein solcher historischer Kern der Ostergeschichten nicht festgestellt werden zu können. Die Aussage, daß der Gekreuzigte, ein Leichnam, nach drei Tagen vom Tode zu neuem Leben erstand, ist nicht auf einen historischen Kern reduzierbar. Die christliche Osterbotschaft kann nur glaubend angenommen oder, nicht glaubend, zurückgewiesen werden.

Die Aussage darüber, was Ostern geschehen sein soll, findet sich nur in knappen Bekenntnissätzen und in jenem Bericht über das leere Grab. Die Geschichte von den Frauen, die am ersten Tag der Woche zum Grab gehen und es leer finden, erweist aber schon in der legendären Erzählweise, daß sie aus späterer Reflexion entstanden ist. (Der Begriff „Legende“ bezeichnet in diesem Zusammenhang lediglich eine Erzählweise und behandelt nicht die Frage nach der Geschichtlichkeit des Erzählten. – Anm. der Red.) Sie ist nicht der Grund, sondern das Ergebnis des Glaubens, daß der Gekreuzigte auferstanden ist.

Diese Texte weisen also keinen Weg zur Erkenntnis dessen, was als geschichtliche Wirklichkeit hinter der Legende festgestellt werden könnte. Für den historischen Forscher bleibt jedoch das historische Phänomen des urchristlichen Osterglaubens, das eine Erklärung fordert. Die urchristliche Verkündigung, die wir nicht nur aus Predigten der Apostelgeschichte, sondern besser noch aus den drei ersten Evangelien kennen, die ihr Niederschlag sind, weist auf diesen Glauben zurück. Darum muß der Historiker fragen: Wie kamen diese Menschen dazu, zu glauben, daß der Gekreuzigte und Begrabene auferstanden sei?

Es ergeben sich zwei widersprüchliche Tatsachen, die beide unbestreitbar sind. Einerseits: Der Osterglaube setzt unmittelbar nach der Hinrichtung Jesu, seinem Tod und Begräbnis ein. Eine „Erscheinung“ vor Simon Petrus-Kephas ist der Anfang. Andererseits: Die Jünger hätten ihren Meister bereits bei der Gefangennahme verlassen; nach den drei ältesten Evangelien war keiner bei der Kreuzigung selbst zugegen. Sie hatten die Sache des Jesus von Nazareth aufgegeben, eine enttäuschende Hoffnung fallengelassen. Aus den auseinandergelaufenen Jüngern ist der Osterglaube und die ihn begründende Erscheinung nicht zu verstehen.

Die „Sache Jesu“ aber war das unmittelbar bevorstehende Gottesreich, das er als jetzt anbrechend nicht nur verkündigte, dessen Anbruch er im Tempel mit der Beendigung des Opferkultes durch Vertreiben der Händler und Opfertiere auch demonstrierte. Weil aber diese Sache mit seiner Person unlöslich verknüpft war, war sie selbst – nicht nur er! – mit seiner Hinrichtung endgültig gescheitert. Es gibt keinen Hinweis, daß auch nur in einem der Jünger etwas erhalten blieb, das Grund für eine von daher zu erklärende Vision sein könnte. Das ist das Dilemma, vor dem der Historiker angesichts der Quellen steht.

Er muß vor dem Zeugnis von der Erscheinung des Auferstandenen so weit kapitulieren, als er keine greifbaren Gründe nennen kann, die Erscheinung zu erklären. Und er muß andererseits eben diese Erscheinung dennoch als den auslösenden Grund für den christlichen Glauben und die urchristliche Predigt annehmen. Es muß etwas geschehen sein, das die Jünger wieder zusammenführte und zu zeugniskräftigem Glauben befähigte, der Verfolgung und Martyrium überdauerte.

Dieses „Ereignis“ wird in den ältesten Schichten der Überlieferung folgerichtig nicht als objektive Tatsache berichtet. Es wird nur bekannt: Der Herr ist erschienen. Aber es wird kein Zeuge benannt, der dies Geschehen beschreibt. Der erste Zeuge hat ebensowenig wie alle folgenden sich von dem, was ihm in der Erscheinung widerfuhr, so distanzieren können, daß er objektiv darüber berichtet hätte. Selbst Paulus, der sich als letzter in der Kette der Zeugen nennt, umschreibt die Erscheinung nur. Erst die Überlieferung, die Lukas in der Apostelgeschichte verwendet, hat daraus den Bericht von der Erscheinung vor Damaskus werden lassen.

Dies wird verständlich, wenn wir erfahren, wie die auf diesen Glauben gegründete Gemeinde das Geschehen verstand: als das Ende der Geschichte, das mit der Hinrichtung Jesu einsetzte und in den Erscheinungen sich vollendete. Darum lebte die Gemeinde diese Vollendung der Geschichte, wie Jesus es verheißen hatte, in den Freudenmahlen, von denen die Apostelgeschichte noch berichtet.

Und diese Gemeinde erzählte von Jesu Tod so, daß sichtbar wird, was hier geschah: Finsternis fällt über die ganze Erde, ein Erdbeben öffnet die Gräber, und der Tempel öffnet sich für alle Völker durch das Zerreißen des Vorhangs. Alles dies sind Zeichen, die für die Tage des Messias erwartet wurden, die dem Ende vorausgehen sollten. Und die Gemeinde erzählt weiter, daß Jesus es dem Synhedrion selbst gesagt habe, was sie sehen werden: den Menschensohn, kommend auf den Wolken des Himmels, wie es beim Propheten Daniel vorhergesagt ist.

Natürlich konnte dieser Glaube sich nicht halten; denn die Gemeinde erfuhr ja nicht die Herrlichkeit des Gottesreiches, sondern Verfolgung und Leiden. Anstatt der Herrschaft ihres Herrn bekam sie die grausame Macht der Behörden im Land zu spüren. Die Gemeinde des Osterglaubens wurde in die Nachfolge ihres Meisters gedrängt und geriet dadurch mit ihrem Glauben in Bedrängnis, weil sie das nicht erwartet hatte. Als die Erscheinungen aufhörten, war auch noch diese Hilfe, den Glauben zu bewahren, vergangen. Das Leiden lehrte sie, daß das Gottesreich, unter dem sie ihr Dasein verstand, keineswegs bereits greifbare Wirklichkeit war.

In der Himmelfahrtsgeschichte berichtet die Gemeinde, wie sie diese neuerliche Enttäuschung überwand. Ihr ist durch Himmelsboten gesagt, daß der Auferstandene so am Ende wiederkommen wird, wie sie ihn als den Menschensohn auf den Wolken des Himmels gesehen haben. Aus dem Osterglauben, daß dieses Reich mit den Erscheinungen gekommen sei, wurde die Hoffnung auf den kommenden Christus, in der dieser Glaube lebendig blieb. Von dieser Hoffnung ist auch das Leben des Paulus getragen, der darum bis zuletzt der festen Überzeugung war, daß er dieses Gottesreich noch sehen werde.

Diese Hoffnung, diese Erneuerung der Sache Jesu war an keinen Termin gebunden, der sie erneut hätte zunichte machen können. Nicht das war das Entscheidende, daß das Reich zu einem bestimmten Zeitpunkt, morgen oder in einem oder in zehn Jahren, kommen werde, sondern daß es jeden Augenblick kommen kann. Darum ist von dieser unmittelbaren Zukunft des Reiches jeder gegenwärtige Augenblick bestimmt. Weil der Glaubende für diese Zukunft des Gottesreiches offen ist, weil seine Zukunft ausschließlich von diesem Reich bestimmt ist, lebt er schon jetzt unter der Herrschaft seines Herrn.

Das Osterfest ist durch diese grundlegende Bedeutung der Erscheinungen das erste genuin christliche Fest geworden. Das gilt nicht zuerst für die Festlegung eines Festtages im Jahresablauf, sondern es gilt zuerst für die Feier des Herrentages, des ersten Tages der Woche, der den Sabbat verdrängte.

Es ist dem Historiker nicht möglich, das Geschehen dieses Tages wie ein historisches Faktum in den Griff zu bekommen. Aber noch weniger kann er die knappen bekennenden Sätze, daß der Gekreuzigte auferstanden sei, als Phantasieprodukt eines fanatischen Glaubens abtun. Das Geschehen bleibt ja der Grund des Glaubens, ohne den er für den Historiker unverständlich ist. So muß hinter dem Osterglauben eine geschichtliche Wirklichkeit festgestellt werden, die nicht als historisches Faktum greifbar ist.

Damit soll nicht der Geschichtswissenschaft zugemutet werden, eine ihr nicht eigene Kategorie aufzunehmen. Für den Historiker bleibt der Osterglaube der Jünger das letzte feststellbare Faktum. Will er ihn erklären, muß er allerdings ein „Etwas“ zu Hilfe nehmen, das diesen Glauben ins Leben rief.

Die Überlieferung der Christenheit hat dieser geschichtlichen Wirklichkeit Rechnung getragen. Ihre Predigt ist darum nicht darauf gerichtet, durch Beweisführung zu überzeugen, sondern sie lädt ein, sich als unter dem Herrn stehend zu wissen, der den ersten Zeugen als der Auferstandene erschien. Sie weiß, daß die Entscheidung gegenüber dieser Einladung in dem Sinne frei ist, daß es keinen zwingenden Grund gibt, ihr zu folgen, wie es allerdings auch keinen zwingenden Grund gibt, sich ihr zu versagen. Der Glaube, zu dem diese Predigt ruft, ist aber nicht zuerst darauf gerichtet, daß vor über 1900 Jahren einmal ein Toter wieder zu neuem Leben erstand. An den Auferstandenen glauben, heißt zuerst, das eigene Leben von dem her zu verstehen, der als der Auferstandene in jedem Augenblick der Kommende ist.

Der glaubende Christ wird dennoch von der Auferstehung Christi als von einer geschichtlichen Wirklichkeit reden, weil er damit die sein eigenes Daseinsverständnis bestimmende Wirklichkeit nennt, die ihm in der Predigt, der Verkündigung des Evangeliums begegnet. Er kann die Auferstehung sogar ein historisches Faktum nennen, wie Paulus betont: „Nun aber ist Christus auferstanden.“ Jedoch wie Paulus wird er einen solchen Satz nicht als eine Feststellung verstanden wissen wollen, die das Ergebnis historischer Forschung sein könnte. Gerade ein solcher Satz, der mit höchster Gewißheit von der Wirklichkeit dessen redet, was Ostern ist, bleibt wie der Satz des Paulus Bekenntnissatz.

Der glaubende Christ müßte sich sogar wehren, wollte man einen solchen Satz als Ergebnis historischer Forschung verstehen. Das geschichtliche Ereignis, das für ihn in jeder Predigt wie beim Lesen des Neuen Testaments gegenwärtige Wirklichkeit ist, würde damit zu einem Ereignis der Vergangenheit, in der Historie begraben. Weil wir aber keine bessere Möglichkeit kennen, die Gewißheit gegenwärtiger Wirklichkeit auszudrücken, als ihr unverbrüchliches Geschehensein auszusprechen, sagt der Christ wie die Emmausjünger: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.“

Historische Forschung vollzieht sich auf einer anderen Ebene als die der Glaubensentscheidung. Ihre Ergebnisse kann der Glaubende nicht nur bejahen, er kann sich selbst, als brennend an der Geschichte der Gemeinde interessiert, daran beteiligen. Sie vermag die Geschichte des Glaubens zu verfolgen von den Anfängen bis in die Gegenwart. Sie kann aber niemanden von der Entscheidung befreien, zu der das christliche Osterzeugnis herausfordert, gerade wenn wir die geschichtliche Wirklichkeit erkannt haben, von der dieses Zeugnis redet.