Recht burschikos "Mit Adolph Menzel in Berlin" heißt ein kleiner Bildband, der viel anspruchsvoller und gediegener ist, als der Titel vermuten läßt (Prestel Verlag, München; 156 S. mit vielen farbigen und Schwarzweißabb., 16,50 DM). Keinesfalls will Irmgard Wirth den Maler und Zeichner auf das Niveau eines flotten Milieuschilderers und zuverlässigen Stadtchronisten reduzieren. Sie versteht Berlin als "den idealen Widerpart seines Künstlertums", Lokalkoloristik wird nicht überbewertet, auch stilistische und formale Probleme werden neben der reinen Topographie untersucht. Die Bilder, vor allem die nach den Skizzenbüchern reproduzierten Zeichnungen, schildern das offizielle und das anonyme, intime Berlin, die Hofbälle, die kaiserlichen Ausritte und die Welt der Handwerker, Kleingärtner, Droschkenkutscher und Bierlokale. Unter den zitierten Dokumenten von und über Menzel findet man den vier Seiten langen Brief, den Menzel an einen Freund in Kassel über die Märzrevolution geschrieben hat. Menzel sei "trotz fritzischer Gesinnung kein Reaktionär gewesen". Man sollte den Bericht in die Lesebücher aufnehmen und mit Menzels nicht vollendetem Gemälde der "Aufbahrung der Märzgefallenen" illustrieren. "Ja, wer ist Menzel, Menzel ist sehr vieles, um nicht zu sagen alles ...", schrieb Theodor Fontane.

G. S.