Die Staatszechen, die 60 Prozent aller Kohle fördern, haben sich in den vergangenen Jahren leistungsfähige Chemiebetriebe angegliedert, auf die schon jetzt etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes von zuletzt 867 Millionen Gulden entfiel. Dank dieser Erweiterung arbeitete das Unternehmen in den letzten Jahren mit Gewinn und kann die im Bergbau freigesetzten Arbeiter an anderer Stelle weiterbeschäftigen. Dieser Konzern soll jetzt weiter ausgebaut werden. In Zusammenarbeit mit der Automobilfabrik DAF wollen die Staatsmijnen im Limburger Raum eine Autoproduktion aufnehmen.

Um auch privaten Unternehmen die Ansiedlung im Revier schmackhaft zu machen, werden Industriegrundstücke mit einem Preisnachlaß von 50 Prozent bereitgestellt und für jeden Quadratmeter des Grundstückes, der innerhalb von zwei Jahren mit Betriebsanlagen bebaut wird, zahlt der Staat eine Prämie von 60 Gulden. Bedingung ist, daß die Unternehmen bereit sind, Arbeitskräfte einzustellen, die vorher im Bergbau beschäftigt waren.

Während Holland damit einen wirtschaftlich und sozial gangbaren Ausweg aus der Krise gefunden hat, steht das Nachbarland Belgien vor einem wirtschaftlichen und politischen Problem allerersten Ranges. Die Belgier sagen mit Recht, daß sie hinsichtlich der Kohle bei der Aufteilung der Welt besonders schlecht weggekommen sind.

Ihre Kohlenflöze sind die schmälsten in ganz Europa. Während an der Ruhr die Durchschnittsstärke der Flöze 1,22 Meter beträgt, sind sie in Belgien nur 0,88 Meter dick und in den Zechen um Lüttich sogar nur 0,67 Meter. Hinzu kommt, daß die Flöze im Durchschnitt in einer Tiefe von 670 Metern liegen, daß die Kohlenadern sehr ungleichmäßig verlaufen und daß die belgischen Gruben wegen der starken Kohlengasentwicklung als besonders gefährlich gelten. Die Kohle macht nur 40 Prozent der Gesamtförderung aus, der Rest ist totes Gestein.

Aus diesen Gründen mußten schon bei Gründung der Montanunion, also zur Zeit des großen Kohlemangels, für die belgischen Zechen Sonderregelungen getroffen werden. Belgien mußte sich verpflichten, acht besonders unrentable Zechen zu schließen und seine damalige Jahresförderung von 30 Millionen Tonnen nicht mehr zu erweitern. Inzwischen ist die Förderung auf knapp 20 Millionen Tonnen gesunken, alle Bergwerke wurden einer Spitzenbehörde-unterstellt und fünf Zechen wurden stillgelegt. Aber von der Rentabilität ist der belgische Bergbau weiter denn je entfernt. Die Schichtleistung pro Mann ist mit 1,8 Tonnen die niedrigste in Europa.

Nüchternes wirtschaftliches Kalkül allein reicht allerdings in Belgien noch weniger als in anderen Ländern zur Lösung der Bergbaukrise aus. Durch den Sprachenstreit, der Belgien in den letzten Jahren schon oft an den Rand des Bürgerkrieges gebracht hat, erhält die Kohlenkrise eine Brisanz wie in keinem anderen europäischen Land. Die unrentabelsten Gruben liegen, mit wenigen Ausnahmen, im wallonischen, französisch sprechenden Landesteil, während die rentablen Zechen im flämischen Kempenland arbeiten. Jeder Versuch der Regierung, den Bergbau durch die Schließung von Zechen in dem einen oder anderen Landesteil zu sanieren, führt sofort zu ernsten politischen Spannungen. Heute arbeiten noch 36 Zechen im französischen Sprachgebiet gegenüber sechs im Kempenland. Aber diese wenigen flämischen Zechen fördern bereits jetzt die Hälfte der belgischen Kohle. 1970, wenn nach den Plänen des Kohledirektoriums die Förderung auf 15,5 Millionen Tonnen gesenkt ist, werden es mehr als drei Viertel der Gesamtförderung sein.

Als zu Beginn dieses Jahres als einzige flämische Zeche neben fünf wallonischen die Grube Zwartberg geschlossen werden sollte, griffen die von fanatischen „Sprachkämpfern“ angefeuerten Bergleute die Gendarmen mit dem Ruf an: „Schließt erst einmal die wallonischen Graben!“ Die Stillegung der unrentablen Grube unterblieb.