Von Marcel Reich-Ranicki

Zwar heißt es, daß wir in einer Epoche des Sachbuches und des Dokuments leben, doch ziehen es viele unserer Autoren vor, das Sachliche, das sie immerhin zu bieten haben, in verkleideter Form auf den Markt zu bringen. Sie wählen für Bekenntnisse, Erinnerungen und Tagebücher, für Chroniken, Biographien und Autobiographien, für Berichte, Protokolle und Reportagen, für Essays und Abhandlungen. eine belletristische Verpackung. In den meisten Fällen soll sie wohl als Lockmittel und Schutzhülle zugleich dienen. So wird unsere Welt ständig – und ich bitte, mir dieses Verbum zu genehmigen – belletrisiert.

Eine Modekrankheit ist das und keine neue; man kannte sie vor allem in den zwanziger Jahren. Aber sie wirkt sich heute besonders schädlich aus, weil durch dieses Belletrisieren um jeden Preis viele Dokumente und Äußerungen von zeitgeschichtlichem Wert ihre Glaubwürdigkeit einbüßen, ohne daß damit für die Kunst – von Ausnahmen abgesehen – auch nur das mindeste gewonnen wäre.

Was sich hinter der Unsitte verbirgt, läßt sich einer beiläufigen Bemerkung von Karl Kraus entnehmen; in seinem Aufsatz „Warnung vor der Unsterblichkeit“ behauptete er kurzerhand, „daß der Roman das Versteck jener ist, die nichts zu sagen haben, und darum die Ausflucht jener, die alles sagen müssen“.

Allerdings sollte man sich hüten, dieses Diktum auf die von Kraus verkannte und verachtete Romanform schlechthin zu beziehen. Doch deckt es eine der wichtigsten Ursachen ihres ärgerlichen Mißbrauchs auf.

Ja, schrecklich ist die Verführung zum Roman – und zum Belletristischen überhaupt. Kaum ein Schreiber, der gegen sie ganz gefeit wäre. Auch Horst Krüger mag mit dem Gedanken gespielt haben, seine Erlebnisse in einem Buch darzustellen, das als Roman ausgegeben werden könnte. Aber er macht dieses halbherzige Versteckspiel glücklicherweise nicht mit: Er braucht kein Kostüm, er stellt sich ohne Schutzkleidung, er verzichtet auf die belletristische Tarnung –

Horst Krüger: „Das zerbrochene Haus“ – Eine Jugend in Deutschland; Rütten + Loening Verlag, München; 285 S., 18,– DM.

Krüger, geboren 1919, ist Berliner. Ein Preuße also? Das scheint mir eine Ermessensfrage zu sein, die man indes nicht unbedingt für überholt halten muß. Denn die preußische Mentalität gibt es noch. Und wie immer die Rolle Preußens in der Geschichte Europas beurteilt werden sollte – in der deutschen Literatur ist die preußische Tradition bestimmt die schlechteste nicht.

Sie verweist auf Schriftsteller und Philosophen, deren Verhältnis zu ihrer engeren Heimat in der Regel ambivalent war: Wenn sie zu den Apologeten Preußens gehörten, dann erwiesen sie sich zugleich als seine strengsten Kritiker und Ankläger. Zwischen kühler Skepsis und aggressiver Haßliebe schwankend, schrieben sie im Vertrauen auf Logik und Vernunft, im Glauben an die moralische Pflicht und in der Sehnsucht nach der Ordnung.

Diesem Geist ist, meine ich, auch Krügers Buch in hohem Maße verhaftet. Obwohl er weiß, daß es in Deutschland meist kein dankbares Geschäft ist, einfach und klar zu formulieren, gesteht er: „Ich möchte ... endlich begreifen, wie das damals war unter Hitler.“ Und er stellt die peinliche Frage, „warum die Deutschen diesen Mann liebten, warum sie ihm ehrlich zujubelten“.

Aber da er mit Brecht, dem er das Motto entlehnt, der Ansicht ist, daß die Wahrheit „nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges“ sein dürfe – von dieser Art sei „gerade die Unwahrheit“ –, gibt er auf die welthistorische Frage eine scheinbar private Antwort: Er berichtet, was sich in seiner Familie in den dreißiger Jahren ereignet hat, er erzählt die Geschichte seiner Jugend.

Freilich hat er nur wenige Episoden ausgewählt. Mit gutem Grund. Denn einzig die entschiedene Weglassung, ja, die programmatische Unvollständigkeit ermöglicht die Ehrlichkeit einer Autobiographie. So auch hier: Dank der Selbstbeschränkung Krügers konnte ein offenes und aufrichtiges Buch entstehen, das gelegentlich vor einem intimen Bekenntnis nicht zurückschreckt und das trotzdem nie indiskret oder gar schamlos wirkt.

Nur von dem spricht der Autor des „Zerbrochenen Hauses“, was er selber gesehen und gehört hat, und fast immer bildet seine Person den Mittelpunkt des Ganzen. Dennoch sind ihre Umrisse kaum zu erkennen: Die Zentralfigur des Buches erweist sich vornehmlich als Beobachter und als eine Art Versuchsperson, die den Wirkungen der Epoche ausgesetzt ist. Daher fügen sich die sechs Kapitel zu keinem Porträt zusammen. Ihre Summe ergibt mehr: ein Zeitbild.

Da also Krüger das Exemplarische anstrebt – „Ein Ort wie Eichkamp“ ist sein erstes Kapitel betitelt –, liegt auch gleich die Gefahr auf der Hand: Aus der Perspektive von Jahrzehnten werden Gestalten und Vorgänge – bewußt oder unbewußt – stilisiert, bis sie sich schließlich als Belege für heutige Anschauungen über damalige Zustände eignen. Und dann geht die Gleichung auf, und das Mosaikbild ist schön übersichtlich.

Krüger schlägt einen anderen Weg ein. Er verschweigt nicht das Zufällige, er berücksichtigt auch das Irreguläre, er spart das Atypische keineswegs aus. Er selber tritt nicht in der Rolle des Jedermann im „Dritten Reich“ auf. Und weder die Schwester Ursula noch der Freund Wanja können als repräsentativ für das dargestellte Milieu und die Verhältnisse in jenen Jahren gelten. Im Gegenteil: die Schwester, die 1938 ohne einen für ihre Familie verständlichen Grund Selbstmord begeht, und der Halbrusse, der einer antifaschistischen Organisation angehört und wegen Hochverrats verurteilt wird, sind unzweifelhaft Außenseiter.

Doch gerade den nicht austauschbaren, den gänzlich atypischen Figuren, die zu Demonstrationsobjekten nicht taugen, verdankt das Buch seine Überzeugungskraft. In Krügers Lebensbereich bewährt sich das uralte Prinzip der Literatur: Das Außergewöhnliche macht die Norm erkennbar, das Extreme ermöglicht die Einsicht in das Exemplarische. Und es sind immer erst die Verstöße gegen eine bestehende Ordnung, die ihre Existenz veranschaulichen können.

Der Ordnung, die Krüger zunächst schildert, liegt ein zwar ungeschriebener, aber sorgfältig beachteter Kodex zugrunde. Er regelt das tägliche Leben der kleinbürgerlichen Familien, die einst, in der Zeit der Weimarer Republik, fleißig und sparsam genug waren, um sich in Eichkamp, einer sauberen Berliner Vorortsiedlung, bescheidene Häuschen zu leisten. Es sind „lauter brave, biedere Leute, die ihr Handwerk, ihr Geschäft, ihre Amtsstube gut verwalten. Eichkamp war die Welt der guten Deutschen.“

Hier liest man „Mein Kampf“ 1933 ängstlich und erwartungsvoll“. Die Eichkamper hatten das neue Reich weder gerufen noch bekämpft. Da es nun einmal gekommen ist, akzeptieren, sie es. Und mögen sie auch diese oder jene Bedenken haben – was geschieht, macht sie rasch waffenlos, willig und wundergläubig“.

Krüger sieht die kleine Welt, der er entstammt, nüchtern und sachlich, bisweilen sogar streng. Wie er sich jedoch mit ihr nicht identifizieren kann, so vermeidet er es auch, sich von ihr post festum zu distanzieren. Er versagt sich die Ironie und den Spott, seinem Bericht haftet niemals etwas Überhebliches oder Anmaßendes an. Indes wirkt er schlagend. Dabei geht es nicht nur um die Folgen jener dumpfen und tief verwurzelten Staatsgesinnung, die sich von der realen Umwelt und der tatsächlichen Politik nicht beirren lassen will. Durch Krügers Darstellung wird zugleich augenscheinlich, daß zwischen dem traditionellen Lebensstil dieses Milieus im privaten Bereich und seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

„Es passierte nie etwas bei uns, alles war normal, geregelt, in Ordnung.“ Das Kapitel „Requiem für Ursula“ beweist hingegen, daß unter der Oberfläche viel passierte, was keineswegs normal, geregelt und in Ordnung war. Da die Eltern nichts von den – hier nur angedeuteten – psychischen Qualen ihrer einundzwanzigjährigen Tochter wußten, konnten sie auch die Ursache ihres Selbstmords nicht ahnen. „Eine Auflehnung gegen die Ordnung Gottes“ – meint die katholische Mutter; „eine Auflehnung gegen die staatliche Ordnung“ – meint der Vater, ein preußischer Beamter. Die Mutter findet schließlich eine entlastende und bequeme Interpretation: „Im Grunde hat sie doch Gott gesucht.“

Damit ist auch die Formel für die Umstilisierung der scheinbar unbegreiflichen Entscheidung gegeben: Die sterbende Ursula muß noch die Konversion über sich ergehen lassen, für die Zeremonie werden Dekorationen und Requisiten geholt, das Krankenzimmer verwandelt man in eine kleine, blühende Kapelle. So wird eine stille und hilflose Rebellion für den kleinbürgerlichen Bedarf adaptiert: Nicht einmal der Tod kann jene Verlogenheit aufhalten, der das Mädchen offenbar zum Opfer gefallen war.

Nur daß die Sehnsucht nach der „Gloriole und Kanonisierung der kleinen Heiligen aus Eichkamp“ und die Bereitschaft, sich durch den Faschismus berauschen und verklären zu lassen, zwei Seiten derselben Medaille sind – also letztlich ein und dieselbe Mentalität sichtbar machen.

Während die ersten beiden Kapitel mit vornehmlich epischen Mitteln die Welt „jener harmlosen Deutschen“ erkunden, „die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können“, wird durch die Verhaftung Krügers am Anfang des Krieges – der Student war fast durch Zufall in eine Widerstandsgruppe geraten – der unmittelbare Terrorapparat des Regimes in den Bericht einbezogen.

Auch hier gelingt es Krüger wie von selbst, persönliche Erlebnisse mit zeitgeschichtlichen Elementen zu verbinden; die verschiedenen Perspektiven – des Beteiligten und des Beobachters, die damalige und die heutige – ergänzen einander, aufs natürlichste geht die Reflexion in die Beschreibung über.

Die letzten Kapitel machen vollends klar, daß der tiefste Impuls dieses privaten Deutschlandbuches im Negativen zu finden ist – in der Auflösung der ethischen Kategorien, in der Zerstörung des Glaubens an die Gesittung, in der Enttäuschung, die eine ganze Generation erleben mußte. Und vor allem: im Verlust des wohl preußischen Vertrauens in die erzieherische Wirkung und moralische Kraft der Ordnung.

Mit diesem Verlust will sich Krüger nicht abfinden, er gibt die reine Vernunft nicht preis, die nüchternen und trockenen Maßstäbe der Preußen sind trotz allem zu spüren. Schon sagt er, durch die Niederlage von 1945 sei „die Ordnung der Welt wiederhergestellt“ worden. Aber am Ende des Kapitels „45, Stunde Null“ heißt es doch: „Da war die Weltgeschichte fast das Weltgericht.“ In dem einschränkenden Wörtchen „fast“ spiegeln sich die Erfahrungen der zwanzig Jahre, die der Stunde Null folgten.

Das Buch mündet in einen Bericht vom Frankfurter Auschwitz-Prozeß. Krüger fährt hin, weil es eine letzte Möglichkeit sei, „der Vergangenheit in Fleisch und Blut, der Geschichte in ihren Akteuren zu begegnen ...“ Dort glaubt er, seine Jugend unter Hitler erkennen zu können.

Was er jedoch vor allem im Gericht zu finden hofft und was er kaum erwähnt, weil es dafür ein glaubwürdiges Vokabular nicht mehr gibt – das ist der verspätete Triumph der Gerechtigkeit, die ersehnte Wiederherstellung der Ordnung. Doch ebensowenig wie der militärische Sieg der Alliierten kann ein Gerichtsurteil diese Hoffnung erfüllen.

Das Fazit deutet der Titel an, der mehr meint als das von Bomben zerstörte Elternhaus Krügers in Eichkamp und mehr auch als die Teilung Deutschlands. „Irgendwie hat er. uns allen einen Sprung beigebracht... Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich.“ Mit anderen Worten: die deutsche Vergangenheit läßt sich nicht bewältigen. Man kann sie höchstens vergegenwärtigen. Eben dies hat Krüger getan.

Sein „Zerbrochenes Haus“ ist ein ernstes, aber ein niemals schwerfälliges Buch. Da man bei uns derartige Arbeiten, auch wenn man sie für wertvoll hält, in der Regel außerhalb des Bereichs der eigentlichen Literatur ansiedelt, scheint es nicht überflüssig, zu betonen, daß wir es hier mit einer Prosa zu tun haben, die sprachlichen Anforderungen gerecht wird, denen die meisten deutschen Romane dieser Jahre nicht genügen können.

Wie Krüger die einzelnen Kapitel aufbaut, Details einführt und Vorfälle gruppiert, wie er Höhepunkte vorbereitet und Menschen charakterisiert – das zeugt häufig von einer schriftstellerischen Kunst, die man, gerade weil sie immer unauffällig ist, nicht unterschätzen sollte.

Jene wohlklingenden Formulierungen und effektvollen Andeutungen, mit denen Schriftsteller gern kokettieren, ohne freilich für sie ganz einstehen zu wollen, sind Krügers Sache nicht. Er schreibt ein entspanntes und natürliches, ein exaktes und durchsichtiges Deutsch. Und es kann ihm, meine ich, nicht hoch genug angerechnet werden, daß sich in seinem Buch tatsächlich kein einziger Satz findet, den man zweimal lesen müßte, um zu verstehen, was der Autor sagen wollte.

Während seine Diktion überzeugt, solange er die Tatsachen sprechen läßt und Reflexionen oder Beobachtungen fixiert, wirkt sie allerdings blaß und mitunter sogar flach, wenn er Stimmungen direkt benennt und starke Gefühle auszudrücken versucht. Nicht der Wutausbruch ist sein Element, vielmehr die Besonnenheit, nicht der Haß, vielmehr der Zweifel.

Wird man dieses Zeitbild ohne Lüge, diese Bilanz einer Generation, dieses Deutschlandbuch eines Einzelgängers hierzulande nicht nur loben, sondern auch lesen wollen? Es spräche für das Publikum.