Vier Pfund Karotten enthalten ein bis zwei Milligramm eines für Insekten und Nager in größeren Mengen auch für Menschen schädlichen Giftes. Wenn sich jedoch ein Mensch in Kenntnis dieser Tatsache mit Karotten das Leben nehmen wollte, ginge er noch zu Beginn des Selbstmordversuches an einer Überfüllung seines Magens zugrunde; denn er müßte – wie Dr. Donald G. Crosby, der Entdecker des Giftes, berechnet hat – bei einer einzigen Mahlzeit das Zehnfache seines Eigengewichtes an Karotten verzehren. Die für den Menschen tödliche Dosis des „Carotatoxins“ liegt bei einigen Zehntel Gramm. Dennoch könnte sich dieses Gift im Laufe des Lebens im Organismus anreichern und allmählich Veränderungen in bestimmten Gewebeteilen oder Zellen hervorrufen oder bestimmte Krankheiten begünstigen. Solchen vielleicht schleichenden Einflüssen unbekannter Nahrungsgifte nachzuforschen, ist Aufgabe des „Agricultural Toxicology and Residue Research Laboratory“ in Kalifornien, dessen Vorsitzender Dr. Crosby ist.

Der kalifornische Giftforscher hält sich Millionen millimetergroßer Süßwasserkrebse. Der dem Wasserfloh verwandte Krebs „Daphnia“ ist ein ideales Test-Tier für die Giftforschung. Er geht schon an geringen Mengen schwacher Gifte in Sekundenschnelle ein. Als Dr. Crosby in das Wasser, in dem eine Anzahl dieser Krebse lebte, einen Karotten- oder Sellerieextrakt gab, starben sämtliche Krebse innerhalb von Sekunden. In einjähriger mühsamer Arbeit isolierte Crosby eine chemische Verbindung nach der anderen aus dem Extrakt. Erst als er ihm mehr als 2000 Verbindungen entzogen hatte, verlor der Rückstand seine Giftwirkung. Auf diese Weise war die zuletzt extrahierte Verbindung als das Gift „Carotatoxin“ entlarvt. Die chemische Analyse ergab, daß es sich um einen ungesättigten Kohlenwasserstoff handelte.

Mäuse, denen der isolierte Kohlenwasserstoff eingespritzt wurde, starben nach heftigen Konvulsionen. Dr. Crosby glaubt, daß sich die Pflanzen mit solchen Spurengiften vor Insekten und Nagern schützen wollen. Ebensogut wäre es aber auch möglich, daß diese Substanzen Zufallsprodukte der Evolution sind.

Hans-Joachim Zickert