E. H., München

Wie kann ein Politiker, wenn er auf das Abstellgleis geschoben wird, Dienstwagen und Chauffeur, Theaterfreikarten und Starkbiereinladungen, Staatsempfänge und Konsulatscocktails erhalten? Diese Probleme in München zu lösen, ist für Ausrangierte ungemein schwierig, denn der Andrang ist groß. Für gewöhnlich entgehen sie kaum dem Rotstift, wenn alljährlich die Namenslisten ausgekämmt werden. Aber wer seine große juristische Staatsprüfung (hierzulande Staatskonkurs genannt) hinter sich gebracht hat, dem kann in staatlichen Betrieben und Organisationen des weiß-blauen Landes geholfen werden. Zu den begehrtesten Posten, reserviert für die politische crème de la crème, gehören Verbandspräsidenten und Bankdirektoren. Sollte es sich gar noch um Beamtenstellungen handeln, ist das Glück vollkommen.

So gelang einer politisch schillernden Persönlichkeit der Absprung von der Parlamentarierbank in den gutgepolsterten Sessel des Präsidenten der Bayerischen Landesbodenkreditanstält. Dr. Carljörg Lacherbauer, Jahrgang 1902, bei Kriegsende Amtsgerichtsrat, tauchte 1945 als Gründungsmitglied des CSU-Landesausschusses in Bayerns Politik auf. Vorher war er, seinem selbstverfaßten Lebenslauf zufolge, „nach 1933 aktiv gegen den Nationalsozialismus tätig, besonders durch Einwirkung auf die akademische Jugend“, weshalb er von jeder Beförderung ausgeschlossen worden sei.

Der vielseitige Lacherbauer wurde Mitglied im Stadtrat von München und rechtskundiger Bürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Ein Jahr avancierte er zum CSU-Landtagsabgeordneten, vom Juli 1947 bis Dezember 1948 zum Staatssekretär im Justizministerium. In jener Zeit wurde ihm besondere Fürsorge gegenüber weiblichen Strafgefangenen nachgesagt. Im Juni 1953 trat er, der inzwischen auch Notar in Bad Tölz geworden war, zur Bayernpartei über, die ihn zum Fraktionsvorsitzenden wählte. Im Dezember 1954 schlug seine große Stunde: Die gegen die CSU gerichtete Vierer-Koalition aus SPD, FDP, GB/BHE und Bayernpartei kam zustande. Aber der integre Sozialdemokrat Dr. Wilhelm Hoegner als Ministerpräsident hielt Lacherbauer nicht für ministrabel. Zum Trost wurde er Präsident der Landesbodenkreditanstalt, ein Platz, von dem er als Beamter auch nicht entfernt werden konnte, als die CSU wieder die Regierung bildete.

Eine neuerdings von der Regierung erwogene Änderung des Gesetzes über dieses staatliche Bankinstitut ließ in Lacherbauer sogar die Hoffnung keimen, er könne bis zu seiner Pensionierung neben den Beamtenbezügen auch noch einen privaten Dienstvertrag als Bankpräsident schließen. Denn künftig, so sieht es die Gesetzesänderung vor, soll der Kredit-Präsident nicht länger Beamter sein.

Da aber brach das Unheil über ihn herein. Der bayerische Oberste Rechnungshof stellte seltsame Gepflogenheiten des Präsidenten fest. Auf private Rechnung kaufte er steuerfreie Wertpapiere immer dann, wenn sie den niedrigsten Börsenkurs aufwiesen, um sie seiner eigenen Anstalt dann zu verkaufen, sobald der Kurs gestiegen war. Für diese privaten Manipulationen erhielten Bankmitarbeiter dienstliche Anweisungen mit dem Ergebnis, daß sich Lacherbauer steuerfreie Kursgewinne von rund 6000 Mark zuspielte. Der Rechnungshof hatte es leicht, denn die Untergebenen des Bankpräsidenten zeigten sich aussagefreudig. Das Finanzministerium dagegen, als zuständige Behörde vom Rechnungshof informiert, bemühte sich bisher vergeblich, eine Stellungnahme zu den Anschuldigungen zu erhalten. Lacherbauer ist seit Wochen erkrankt.

Der bayerische Ministerrat befaßte sich bereits mit der Frage, wer Nachfolger werden könnte. Es trifft sich günstig, daß das neue Gesetz den Posten im Angestelltenverhältnis vorsieht. So könnte der bayerische Innenminister Dr. Heinrich Junker den Präsidentenstuhl einnehmen, ohne auf seine Pensionsbezüge als Staatsminister verrichten zu müssen.