Eine bescheidene zweispaltige Anzeige in der „Frankfurter Allgemeinen“ meldete sein Ableben. Vor einem Vierteljahrhundert noch hätte es ein Staatsbegräbnis erhalten. Keine große ceutsche Zeitung, wohl aber der „Guardian“ widmete ihm, dem Gegner und „Kriegsverbrecher“ von einst, einen ehrenden Nachruf: An Charakter und Taten gleiche er den Marschällen Napoleons – Sepp Dietrich, einer der wenigen „Alten Kämpfer“ Adolf Hitlers, die ihren Herrn und Meister überlebt haben.

Seine Karriere vom Laufburschen und Leibwächter zum höchstdekorierten Armeeführer und Generalobersten der Waffen-SS verdankte er zwei Eigenschaften: Gehorsam und Treue. Sein Gehorsam freilich war von der Art, die nach Recht und Moral nicht fragt.

Denken war nicht seine Sache. Vor dem Richter rühmte er sich, daß er nie einen Befehl verweigert habe. Auch an jenem 30. Juni 1934 nicht, als ihm der Reichskanzler eine Liste in die Hand drückte, auf der die Namen von sechs hohen SA-Führern angekreuzt waren. Die Kreuze bedeuteten das Todesurteil. Sepp Dietrich, damals schon Kommandeur von Hitlers „Langen Kerls“, zögerte keine Sekunde, den Befehl auszuführen. Den Todeskandidaten eröffnete er kurz: „Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt, Heil Hitler!“

Viel Federlesens machte er auch später nicht, als er mit seinen Elitesoldaten erst von Sieg zu Sieg und dann von Niederlage zu Niederlage marschierte, auch er Soldat bis zur letzten Stunde. (Die Wiener haben ihm bis heute nicht die sinnlose Schlacht um ihre Stadt vergessen.)

Seine „Jungens“ gingen für den rauhbeinigen, schnurrbärtigen Haudegen durchs Feuer; sie haben ihn auch nach dem Krieg hochleben lassen. An Mut gebrach es ihm wahrlich nicht: Als Hitler in den letzten Tagen seine Legionäre zu Unrecht der Feigheit schmähte, riß sich Sepp Dietrich alle Orden von der Uniform und schickte sie zurück. Spät, zu spät hatte er begriffen, daß er einem Treulosen die Treue gehalten hatte. K. H. J.