Von Gottfried Sello

Mit Sorge beobachten die deutschen Bildhauer, Maler und Kunsthandwerker den Baumarkt. Nicht das Steigen der Kosten für den Bau des Eigenheims oder Ateliers, das zu planen nur wenigen Glücklichen gegönnt ist, macht ihnen Kummer, sondern das Schrumpfen des Öffentlichen Bauvolumens. Zum erstenmal war im vergangenen Jahr die Tendenz rückläufig, und das Wohlergehen der Künstler hängt nun einmal – wenn auch indirekt – im wesentlichen vom Bauen ab. Der Zusammenhang zwischen Kunst und Bau ist in der sogenannten Zwei-Prozent-Klausel gesetzlich verankert, nach der Bundesländer und Gemeinden, auch der Bund, soweit er als Bauherr in Erscheinung tritt, sowie die Wohnbaugesellschaften gehalten sind, einen Bruchteil der Bausumme, maximal zwei Prozent (bei Bauvorhaben, die mehr als eine Million kosten), für künstlerischen Schmuck zu verwenden.

Noch ist zur Panik kein Anlaß. Noch werden Schulen, Krankenhäuser, Altersheime, Besserungsanstalten, Kasernen, Stadien, Pumpstationen und Sperrwerke gebaut und mit Werken der Bildenden Kunst bestückt. Was später geschehen soll, wenn der Bedarf nicht mehr so dringend ist und die Konjunktur abflaut, darüber wird vorerst nur in den Führungsgremien der Künstlerverbände und in internen Zirkeln beraten. Es lassen sich andere, nicht weniger wirksame Maßnahmen staatlicher Kunstförderung denken. Freilichtmuseen im Stil von Middelheim, Plastik im Park oder an markanten Punkten der Stadt. Solches wurde durch die Zwei-Prozent-Klausel bisher eher verhindert. Der Staat könnte die an den Bau gebundenen Mittel für Ankäufe freistellen. Oder, nach der Vorstellung mancher Künstler der alteren Generation, für Ehrensolde und Pensionen. Der radikalste Vorschlag zielt dahin, an Stelle der öffentlichen Bauträger die privaten Bauherren gesetzlich zu zwingen, ihr Heim außen oder innen mit Kunst der Gegenwart zu schmücken – der Gedanke verliert an Absurdität, wenn man sich vorstellt, daß ja auch das Erstellen von Luftschutzräumen in Zukunft dem Belieben des Bauherrn entzogen wird. Nur eines gehört offenbar ins Reich der Utopie: daß die Bildende Kunst ohne Zwangsmaßnahmen und Subventionen je florieren könnte.

Für die Künstler hat sich die Zwei-Prozent-Klausel bisher als ein Segen erwiesen, er sei ihnen gegönnt, er möge ihnen noch lange erhalten bleiben. Vom Standpunkt des Konsumenten hat sie erhebliche Schönheitsfehler. Einige sind irreparabel. Daß die Maßnahme in der Regel einer mittleren Qualität zugute kommt, ist unvermeidbar. Die Aufträge müssen gestreut werden, die Futterkrippe soll viele ernähren. Es gibt ohnehin genug Künstler, die leer ausgehen. Ärgerlicher und vermeidbar ist es, daß Werke von Rang so oft falsch plaziert werden. Ich erinnere an den Orpheus im Altersheim, an dem ich, im Oktober 1964, Sinn und Unsinn der Zwei-Prozent-Klausel exemplifizierte. Selbst behördlicherseits wurde moniert, daß "viele Werke der Bevölkerung kaum zum Bewußtsein kommen, weil sie meistens an Gebäuden oder Plätzen angebracht wurden, die nur wenigen Personen zugänglich sind". Eine sinnvollere Plazierung scheiterte bisher an der obligatorischen "Ortsgebundenheit" der Werke.

Hamburg hat das Verdienst, einen ersten zaghaften Schritt aus dieser bürokratischen Sackgasse unternommen zu haben. Der Hamburger Senat hat, rückwirkend mit dem 1. Januar 1966, der "Verwaltungsanordnung über Kunst am Bau" von 1951 eine verbesserte Fassung gegeben. Im § 5 wird wenigstens für den Sektor der Tiefbaumaßnahmen die Ortsgebundenheit gelockert. Hier kommen die für die Kunst vorgesehenen Prozente der Bausummen in einen gemeinsamen Topf und dürfen für solche Hochbauten verwendet werden, "bei denen eine über den sonst üblichen Rahmen hinausgehende Ausstattung mit Kunstwerken angezeigt erscheint". In diesen gemeinsamen Topf sind aber auch solche Mittel, "durch Sollübertragung" einzubringen, die für Hochbauten vorgesehen sind, aber nicht in Anspruch genommen werden.

Daß sich hinter dieser etatmäßig verschlüsselten Bestimmung ein fortschrittlicher Sinn verbirgt, wird erst im Zusammenhang mit dem § 8 ersichtlich. Danach hat die Kunstkommission, ein neunköpfiges Gremium von Sachverständigen, zu empfehlen, "ob und welche Kunstwerke an einem Bauwerk angebracht werden". Es muß also nicht mehr jedes Abwasserpumpwerk und jede Feuerwache künstlerisch dekoriert werden, die Künstler jedoch brauchen trotzdem nicht zu befürchten, daß sie finanziell benachteiligt werden. Man kann endlich vernünftig und großzügig disponieren, man kann statt vieler kleiner Objekte ein Werk von künstlerischem Rang in Auftrag geben für eine markante Stelle im Stadtbild, vorausgesetzt allerdings, daß an einer solchen Stelle ein öffentlicher Bau geplant ist. Ganz ohne Bindung an den Bau wird es also auch nach der reformierten Zwei-Prozent-Klausel nicht abgehen. Aber selbst diese Kompromißlösung ist sehr viel besser als die bisherige Praxis, die in den übrigen Bundesländern nach wie vor geübt wird.

Damit nicht genug: der wirkliche Fortschritt der Hamburger Neufassung, um dessentwillen man sie der Kultusministerkonferenz auf den Tisch legen und zu sorgfältigem Studium empfehlen sollte, liegt weniger in ihren positiven Bestimmungen als in dem, was diese vierzehn Paragraphen nicht mehr enthalten. Den Hinweis nämlich, den man in den Kunst-am-Bau-Verordnungen der anderen Bundesländer lesen kann, daß für die in Frage kommenden Aufträge ortsansässige oder in den Landesgrenzen beheimatete Künstler heranzuziehen seien. Diese regionale Eingrenzung hat die gesamte Kunst-am-Bau-Aktion in Mißkredit gebracht und einem Provinzialismus in die Arme getrieben, den nicht etwa engstirnige Kulturbürokraten, sondern die Künstler selber zu verantworten haben. Eifersüchtig wachen ortsansässige Maler und Bildhauer (vorwiegend der Mittelklasse) darüber, daß kein Fremder sich in ihrem Territorium betätige. Hannover ein Reservat der Hannoveraner Künstler, Frankfurt gehört den Frankfurtern, Hamburg den Hamburgern. Selbst die wenigen Beispiele, wo in Hamburg auswärtige Künstler gearbeitet haben, sind unter lokalbedingten Voraussetzungen entstanden. Der Bildhauer Karl Hartung ist zwar Professor an der Berliner Akademie, aber doch immerhin in Hamburg geboren. Und Berto Lardera wiederum, internationaler Protagonist der Eisenplastik, erhielt seine Hamburger Aufträge, als er Dozent an der Hamburger Hochschule war. Die Meerjungfrau des Hannoveraners Kurt Lehmann steht vor der Bundesseefahrtschule, und Bundesbauten sind der regionalen Bindung gelegentlich entzogen. Clevere Künstler haben sich erfolgreich über die regionalen Barrieren hinweggesetzt. Sie verfügen über mehrere Wohnsitze oder über Mitgliedschaften in verschiedenen Berufsverbänden. Ein junger Hamburger Bildhauer hat sich hundert Meter hinter der Landesgrenze eine Scheune als Atelier eingerichtet und kann sich nun auch um Schleswig-Holsteiner Bauvorhaben bewerben.