Von Jürg Federspiel

Zehn oder elf Leute waren es, die an einem trübkalten Wintertag des endenden Jahres 1900 die Leiche Oscar Wildes auf den Friedhof von Bagneux begleiteten; ein paar Freunde und Bekannte, darunter der Besitzer eines kleinen Pariser Vorstadthotels, der unter dem Arm einen Kranz mit der Aufschrift „A mon locataire“ trug.

Ein paar wenige Jahre, die dem Tod Wildes vorausgegangen waren, und einige, die in das neue Jahrhundert hineinreichten, waren solche nicht des Vergessens, sondern des Schweigens. Oder auch der beschämten Verlegenheit.

Fünf Jahre nach seiner Einlieferung in das Zuchthaus von Reading war der Dichter und Causeur, Sybarit und Poseur Wilde zu Grabe getragen worden, und fünf Jahre hatten genügt zu der Einsicht, daß die Wirklichkeit keineswegs auf dem Seil zu tanzen braucht, um sich als Wirklichkeit zu erweisen: Thomas Hardy und andere Größen des englischen Geisteslebens verweigerten die Unterschrift zu einer Petition, die Wildes Begnadigung verlangte; André Gide drehte dem Verfemten in Pariser Restaurants den Rücken, um sich vor Bekannten nicht schämen zu müssen; Bernard Shaw unterschrieb als Kämpfer gegen Vorurteile die Petition für den Mann, den er „einen unproduktiven Trunkenbold“ nannte, und die englische Gesellschaft, deren männliche Mitglieder scharenweise „dringende Geschäfte“ im Ausland zu tätigen hatten, waren offenbar einig mit jenem Richter, der die Gerichtsverhandlung mit den Worten endigte: „Es hat keinen Sinn, daß ich das Wort an Sie richte, Mr. Wilde. Leute, die solche Dinge tun, müssen für jedes Schamgefühl erstorben sein, und es läßt sich nicht erhoffen, daß man auf Sie einwirken kann. Dieser Fall ist der schlimmste, den ich je verhandelt habe. Nach meiner Meinung ist aber auch das zulässig strengste Urteil unzulänglich für den Fall, mit dem wir es hier zu tun haben...“ Keine Zeitung erwähnte, daß die während des Prozesses verhörten Strichjungen angewiesen waren, die Namen anderer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nicht zu artikulieren, sondern auf einen Zettel zu schreiben.

Nun, wenige Jahre später werden Wildes Gebeine auf den Père Lachaise überführt, seine beschlagnahmten Güter von Freunden zurückgekauft, der Tragödie „Salome“ verhilft Max Reinhardt zu spätem Ruhm, Wildes Bücher werden in alle Kultursprachen übersetzt und die Komödien an sämtlichen Bühnen der Welt wiederaufgeführt: Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Oscar Wilde der meistgelesene englische Autor außer Shakespeare.

Sechsundsechzig Jahre nach seinem Tod ist nun endlich die fast tausendseitige Ausgabe seiner Briefe erschienen –

Oscar Wilde: „Briefe“, herausgegeben von Rupert Hart-Davis, aus dem Englischen von Hedda Soellner; Rowohlt Verlag, Reinbek; 1 Textband (972 S.), 1 Band Anmerkungen (413 S.), einzeln 65,– und 35,– DM, zus. (im Schuber) 90,– DM.