Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer – Seite 1

Von Jürgen Habermas

An Universitäten wie Belgrad oder Zagreb kann man, wie gelegentlich auch in Frankreich, Professoren treffen, deren Herkunft und Typus deutschen Traditionen fremd ist. Auch wir haben politisch engagierte Hochschullehrer, und ein unakademischer Habitus wird nachgerade schon zu einer zweifelhaften Tugend. Aber jene Professoren denken nicht nur auf eine selbstverständliche Weise politisch, ihnen fehlen nicht nur Züge des akademischen Beamtentums – sie scheinen aus einer anderen Welt zu stammen. Sie sind unprätentiös und eigentümlich unberührt von professioneller Eitelkeit, Prestigedenken oder privatem Ehrgeiz. Vor allem sind sie naiv, und darum von entwaffnender Unerschrockenheit gegenüber institutioneller Autorität. Wer nur einen Abend unter ihnen sitzt, begreift, daß in der eher sensiblen als rauhen Kameradschaftlichkeit ihres Umgangs ein Moment festgehalten ist, das alle diese Qualitäten erklärt und glaubhaft macht, weil es sie aus dem Bereich persönlicher Anständigkeit heraushebt. Diese Leute haben als Partisanen in den Bergen gesessen und waren einmal darauf angewiesen, solidarisch zu handeln. Darum können sie es, ohne ein Verdienst daraus zu machen, in Situationen der Gefahr auch heute noch.

Ich habe erst vor wenigen Jahren solche Partisanenprofessoren kennengelernt. Der einzige unter uns, an den sie mich erinnerten, war Wolfgang Abendroth. In unserem .Lande war angesichts der eigenen Regierung Wohlverhalten oder Widerstand die Alternative, Partisanen im eigentlichen Sinn konnte es nicht geben. Wenn sich gleichwohl das fremde Muster als einziger Typus anbietet, um Abendroth zu charakterisieren, so spiegelt sich darin schon ein gutes Stück unserer Nachkriegsgeschichte. Der 20. Juli hat es zu akademischen Gedenkfeiern gebracht, die linke Illegalität bestenfalls zum akademischen Ärgernis.

Abendroth stammt aus Elberfeld, aus einem Landstrich pietistischer Erweckungsbewegungen, aus der Stadt Friedrich Engels. Schon der Großvater, ein Handwerksmeister, wurde auf Grund des Sozialistengesetzes verhaftet. Trotz starker naturwissenschaftlicher Neigungen studiert der junge Abendroth Jurisprudenz und Nationalökonomie an der Frankfurter Universität, die damals noch, in den zwanziger Jahren, so viele wissenschaftlich prominente und zugleich politisch wache Geister vereinigte. 1933 wird der angehende Gerichtsassessor kurz vor Abschluß der Prüfung aus dem Justizdienst entlassen. Zwei Jahre später promoviert er in Bern. Abendroth wählt nicht die beruflichen Chancen, die ihm die glanzvollen Examina in der Schweiz eröffnen. Er kehrt nach Deutschland in den Untergrund zurück. Die illegale Tätigkeit wird von politischen Verbindungen bestimmt, die Abendroth während seines Studiums geknüpft hatte. Er war "Neubeginnen", einer kleinen Gruppe sozialistischer Intellektueller, beigetreten; ihr hatten zur gleichen Zeit Leute wie Erler, Richard Löwenthal, Schöttle und von Knoeringen angehört. 1937 geht die Sache schief, Abendroth kommt für vier Jahre ins Zuchthaus. Nach der Entlassung ist es freilich mit der erzwungenen Symbiose von politischen und kriminellen Häftlingen noch nicht vorbei. Der "Wehrunwürdige" muß in der Strafdivision 999 dienen. Über Griechenland gerät er in englische Kriegsgefangenschaft. Dort wendet sich das Blatt keineswegs. Erst Ende 1946 können Freunde seine Entlassung erreichen. In der sowjetischen Besatzungszone, wo die Eltern lebten, kann sich Abendroth habilitieren. Er wird Professor für Öffentliches Recht, erst in Leipzig und dann in Jena. Während dieser Zeit hält er an seiner Zugehörigkeit zur verbotenen SPD fest. Halb und halb erneuert sich die Illegalität. Im Dezember 1948 kann Abendroth sich dem Zugriff des NKWD in letzter Minute entziehen. Einen Ruf an die Freie Universität Berlin lehnt er ab und geht nach Wilhelmshaven an die Hochschule für Sozialwissenschaften.

Diese dürftigen Daten einer Lebensgeschichte, auf deren Folie wohl mancher die eigene Vergangeiheit schonungsloser zu Bewußtsein bringen kennte, als es die Konvention heute verlangt, sind nur indirekt zu erfahren. Abendroth will davon nichts wissen. Auf bürgerliche Ehrungen aus Anlaß eines 60. Geburtstages, ich sehe ihn vor mir, wird er kopfschüttelnd, mit freundlich-verlegenen Unverständnis reagieren. Ich versuche gar nicht erst, eine Laudatio an ihn zu richten. Aber uns selbst möchte ich bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß unter den Professoren der Bundesrepublik kaum ein zweiter so viel guten und überzeugenden Anlaß gibt, politisch hoffähig gewordene Vorurteile zu berichtigen.

Der Wissenschaftler und Gelehrte Abendroth macht sowenig wie der Politiker ein Hehl daraus, wieviel er Marx verdankt. Gerade darum aber stemmt er sich gegen Dogmatismus. Für wenige ist das Prinzip herrschaftsfreier Diskussion so sehr zu einer Lebensfrage geworden. Abendroth selbst diskutiert leidenschaftlich. Jeden Donnerstagabend beginnt sein Oberseminar stets mit dem gleichen Ritual: Aus dem Kreis der Teilnehmer wird ein Diskussionsleiter gewählt, der auch den Professor in die Schranken weisen kann. Während der anderthalb Jahrzehnte, die Abendroth nun in Marburg lehrt, ist in diesen Seminaren ein äußerst wacher und intelligenter Nachwuchs großgeworden. Viele sind inzwischen avanciert. Alle erinnern sich an die bewegten Diskussionen, auch wenn manche es heute für besser halten, nicht mehr davon zu sprechen.

Wir verdanken Abendroth wichtige Studien zur Geschichte der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften. Aus diesen Arbeiten ist eine Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung hervorgegangen. Von Abendroth stammt auch der bisher gründlichste Beitrag zum Problem der innerparteilichen Demokratie. Ein schmerzliches Stück lebensgeschichtlicher Erfahrung wird darin wissenschaftlich verarbeitet: Unter dem Einfluß Wehners hatte die Sozialdemokratische Partei 1961 ihre sozialistischen Studenten und deren Förderer, darunter Abendroth, ausgeschlossen.

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Trotz der produktiven Forschungen auf politikwissenschaftlichen Gebieten ist Abendroth immer Staatsrechtler geblieben. Sein Herz gehört der Jurisprudenz. Seine glänzende Interpretation des Grundgesetzes, vor allem die konsequente Auslegung der sogenannten Sozialstaatsklausel, die er auf einer Staatsrechtslehrertagung gegen Forsthoff verteidigt hat, mußte den Widerspruch der Kollegen hervorrufen. Manchmal mag Abendroth selbst es bedauert haben, daß seine Arbeitskraft durch einen Lehrstuhl für Politik gebunden ist und nicht voll auf eine Kritik der heute wieder herrschenden Staatsrechtsauffassungen verwendet werden kann.

Oft genügt die Sonde einer präzisen Erinnerung: Abendroth lebt in einem Bewußtsein, das Vergangenes unbarmherzig vergegenwärtigt. Für ihn gibt es keine Schranke zwischen heute und gestern; er lebt mit den Ereignissen der zwanziger und dreißiger Jahre wie mit Vorgängen, über die die Zeitungen eben berichten. Ein solches Bewußtsein ist in einer Epoche, die von ihren Verdrängungen lebt, eo ipso beunruhigend.

Man wirft Abendroth Utopismus vor. Aber er, der übrigens die Theologie Karl Barths gründlich studiert hat, ist viel zu protestantisch, als daß er ein Schwärmer sein könnte. Wie immer auch die Kritik an Schwarmgeisterei als solche fragwürdig ist, Abendroth kann diesem selber dubiosen Zweifel nicht ausgesetzt werden. Am Ende eines Aufsatzes über die Verwirklichung der sozialen Demokratie gesteht er: "Diese kritischen Überlegungen geben kein Endziel an, das, einmal verwirklicht, ein vollendetes Paradies auf Erden schaffen könnte."