Mailand, Anfang Mai

Das Urteil, das die Geschworenen im Mailänder Justizpalast zwei Stunden lang beraten hatten, war – mit Datum und Unterschrift – ganze sieben Zeilen lang, von Präsident Luigi Lantieri in großer, steiler Handschrift geschrieben: Der Landwirt Hans Dietl, 51 Jahre alt, Abgeordneter der Südtiroler Volkspartei im römischen Parlament, wurde von der Anklage des Anschlags auf die Integrität des Staates freigesprochen, „weil es dieses Verbrechen nicht gegeben hat“; von der Anklage der „politischen Verschwörung durch Bandenbildung“ und der Anstiftung zu diesem Verbrechen sowie von der Anklage der Anstiftung zu „illegalem Sprengstoffbesitz“ wurde er freigesprochen, weil „die Taten nicht begangen wurden“. Ein voller Erfolg der Verteidigung? Ja, auch dies. Vor allem aber ein voller Erfolg Dietls, der mit in Rom ungewohnter Zähigkeit die Aufhebung der parlamentarischen Immunität betrieben und erreicht hatte (er war seit 1945 der erste italienische Abgeordnete, der vor einem Geschworenengericht erschien). Ein Erfolg schließlich der Justiz und der Vernunft.

Mit dem Freispruch Dietls ist die zweite Phase der sogenannten Südtiroler Attentatsprozesse abgeschlossen. Es ist ein im ganzen positiver Abschluß, obschon im vorhergehenden großen Mailänder Südtirol-Prozeß Strafen verhängt wurden, deren Ausmaß den normalen Mitteleuropäer erschrecken würden, erführe er sie aus Ungarn, Rußland oder Spanien. Dreißig Jahre Haft für den „Bach des Dynamits“ Günther Andergassen, den Innsbrucker Komponisten, der als einer der Führer des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) in Mailand sitzt; dreißig Jahre Haft für den Tiroler ÖVP-Politiker Aloys Oberhammer und für den Dozenten an der Universität Innsbruck Helmuth Heuberger; 28 Jahre für den Organisator deutscher und österreichischer „Strafexpeditionen“ nach Südtirol und Oberitalien, Norbert Burger, den Südtirol-Experten der „Deutschen National- und Soldatenzeitung“; siebenmal zwanzig Jahre – für drei Deutsche und vier Südtiroler.

Die offensichtliche Härte dieser Strafen ließ beinahe übersehen, daß von 57 Angeklagten 21 freigesprochen wurden, daß andere – so der ewige Landsknecht Georg Klotz, der den Österreichern die Gewährung des Asyls häufig recht schwer macht – mit ein paar Jährchen Haft wahrhaft glimpflich davongekommen waren und daß einzelne wegen Verbüßung der Strafe durch die Untersuchungshaft sofort auf freien Fuß gesetzt wurden. Zu diesen gehörte Joachim Lothar Dunkel aus Stuttgart, der sich beim Präsidenten des Gerichts, einem Sizilianer, wegen der in der Voruntersuchung über die Sizilianer abgegebenen rassistischen Wertungen („sie sind halbe Neger“) ungelenk entschuldigt hatte.

Das Urteil im Fall Dietl korrigiert nicht nur die „Bilanz“, es korrigiert auch den Gesamteindruck der politischen Justiz nicht unbeträchtlich. Im Prozeß gegen „Andergassen und Genossen“ unterschied das Gericht die Angeklagten in „Verführer“ und „Verführte“, in „Ausländer“ (oder im Ausland Lebende) und „Inländer“ – italienische Südtiroler also; die Formel wurde dadurch komplettiert, daß man die „Verführung“ (wohl zu Recht) ins Ausland verlegte. So war es möglich, die in Südtirol lebenden angeklagten Südtiroler mit Strafen zu belegen, die gemessen an den Strafen für die „Verführer“ geradezu müde erscheinen können: etwa fünf und sechs Jahre für zwei Burschen, die einen Feuerüberfall auf einen Polizeijeep verübt und dabei einen Polizisten verletzt haben.

Der einzige autochthone Verführer in der Hand der italienischen Polizei blieb also Hans Dietl – der „Ratgeber“ des BAS, der „Förderer der Vorbereitungsarbeiten des BAS“. Dem Staatsanwalt Giovanbattista Bonelli erschien dieser Mann derart gefährlich, daß er ihm nicht einmal eine „ideale Zielsetzung“ als strafmildernden Umstand zubilligen wollte. Bonelli beantragte für Dietl dreieinhalb Jahre Haft – gemessen an den Delikten nicht viel. Mit seiner Abhandlung über die Frage der mildernden Umstände begab sich Bonelli freilich auf eine arg schiefe Ebene: Es müsse nach der allgemein herrschenden Volksmeinung beurteilt werden, ob eine Tat von „besonderem moralischen und gesellschaftlichen Wert“ sei, sagte er, und es liege doch auf der Hand, daß die Taten des Südtirolers Dietl in der öffentlichen Meinung Italiens diesen Wert nicht haben könnten.

Es gab keinen einzigen objektiven Beweis für die Beteiligung Dietls an der Arbeit der BAS – es gab nur die immer wieder widerrufenen, wirren Aussagen Andergassens und es gab die „Informationen“, die „Aufzeichnungen“, den „Verdacht“ der Polizei. Es sei, sagte der Oberst der Carabinieri, Ferrari, sehr schwer gewesen, Dietl zu überwachen, denn er sei ja Parlamentarier; man habe ihn indessen schon lang als möglichen politischen Partner der Attentäter im Auge gehabt – einmal weil darüber öffentlich geredet worden sei, zum andern weil er häufig nach Österreich gefahren sei. Am Brenner wird über die Auslandsreisen der Südtiroler Politiker und anderer italienischer Staatsbürger eifrig Buch geführt. Der Kommissar der Grenzpolizei weiß als Zeuge genau zu sagen, wann und wie oft Dietl 1962 nach Österreich gefahren ist.