Monrovia, Anfang Mai

Der deutsche Erzfrachter „Frigga“ hat kaum an der 260 Meter langen Pier von Monrovia festgemacht, als auch schon das Transportband zu laufen beginnt. Ein feinkörniges, anthrazitfarbenes Erzkonzentrat, das 65 Prozent Eisen enthält, rieselt wie Sand fast lautlos in die Ladeluken des 38 000-Tonners, und das Schiff, das morgens in den weiten Hafen der liberianischen Hauptstadt an der Westküste Afrikas eingelaufen ist, kann schon am späten Abend wieder in See gehen. Neun Tage später kommt die Fracht in Rotterdam an. Sie wird in 300 oder 400 Rheinkähne umgeschlagen, um den letzten Teil der 5600 Kilometer langen Reise von der Bong Range im liberianischen Urwald zu den Hüttenwerken an Rhein und Ruhr anzutreten.

Die deutsche Stahlindustrie bezieht heute mehr als 90 Prozent ihres Erzbedarfs aus dem Ausland. Das ist nicht immer so gewesen; denn bis in die späten fünfziger Jahre spielten die deutschen Erzgruben für die Versorgung der Hüttenwerke eine wichtige Rolle. Seit 1960 sind jedoch in der Bundesrepublik über dreißig Eisenerzgruben stillgelegt worden. Die Förderung war wegen des geringen Eisengehaltes und der vergleichsweise hohen Betriebskosten unwirtschaftlich geworden. Ausländische Vorkommen traten an ihre Stelle, besonders in den jungen Eisenerzländern in Übersee, deren Bodenschätze vielfach erst in jüngster Zeit entdeckt und teilweise erschlossen worden sind. Dazu bedarf es – zum Beispiel in Brasilien und in Liberia – keiner kostspieligen Tiefschächte; denn das Eisenerz kann im Tagebau gewonnen werden, und die Arbeitskräfte sind in den industriell noch wenig entwickelten Gebieten, besonders in Westafrika, billig.

Besonders die US-Amerikaner investierten – auf der Suche nach ergiebigen und billigen Erzvorräten für ihre wachsende Stahlindustrie – Milliarden-Beträge in dem kleinen westafrikanischen Staat, den die größte Industriemacht der Welt sozusagen als ihr Patenkind betrachtet. Es waren nämlich freigelassene amerikanische Neger, die vor weit über 100 Jahren an der westafrikanischen Pfefferküste, dem heutigen Liberia, einen eigenen freien Staat nach amerikanischem Muster als eine demokratische Republik gründeten.

Heute beuten die Amerikaner zusammen mit dem schwedischen Grängesberg-Konzern und mit der liberianischen Regierung das größte Eisenerzvorkommen des Landes im Nimba-Gebirge aus. Deutsche Interessenten sind daran nicht unmittelbar beteiligt. Sie sorgten jedoch dafür, daß die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt für das Projekt einen Kredit von 50 Millionen Dollar zur Verfügung stellte. Dadurch handelte sich die deutsche Stahlindustrie für zunächst 20 Jahre das Recht auf den Bezug von jährlich mindestens 2,5 Millionen Tonnen Nimba-Erz ein.

Eigene deutsche Erzinteressen in Liberia wurden 1958 durch die Gründung der Deutsch-Liberianischen Mining Company (Delimco) auf eine solide Basis gestellt. Das Unternehmen stützt sich auf eine rund 300 Millionen Tonnen umfassende Erzkonzession 75 Kilometer landeinwärts, wo mitten im Urwald ein 450 Meter hoher Erzberg emporwächst. Die Einwohner nennen ihn Zawea, das heißt die Schatzstätte. Die deutschen Konzessionäre haben vor einigen Jahren mit dem Aufschluß des Geländes begonnen. Heute werden bereits täglich 20 000 Tonnen Roherz auf riesigen Lastwagen-Ungetümen über breite Straßen vom Gipfel des Berges abgetragen und zur nahen Konzentrationsanlage gebracht. Dort erfolgt nach modernsten Verfahren die Anreicherung des 38prozentigen Roherzes zu einem feinkörnigen und gleichmäßigen Konzentrat.

Was nützt aber das beste Erzkonzentrat, wenn es keine Straßen oder Bahnen zum Abtransport, wenn es keinen leistungsfähigen Hafen zur Verschiffung gibt! Ein großer Teil der Investitionen, die bisher insgesamt fast 350 Millionen Mark erreicht haben, wurde für den Bau einer 50 Meilen langen Erzbahn von der Bong Range zum Hafenbecken von Monrovia und ein weiterer Teil für ein eigenes Erzpier ausgegeben, das Schiffen bis zu einem Tiefgang von 12 Metern das Festmachen erlaubt.