H. W., Wesselburen

In Wesselburen hat die Vernunft gesiegt. In dem Dithmarscher Städtchen gibt es keine „Adolf-Bartels-Straße“ mehr. Die Stadtvertreter haben lange gezögert, aber die Straße dann doch umbenannt. Sie heißt jetzt „Wulf-Isebrandt-Straße“ und erinnert an einen legendär gewordenen Mann der Dithmarscher Geschichte, der zu seiner Zeit – so Bürgervorsteher Johannes Jans – „für die Freiheit und die Würde eingetreten ist“.

Dieser Beschluß ist den Wesselburenern nicht leicht gefallen. Je größer der Lärm um die Adolf-Bartels-Straße wurde und je energischer gefordert wurde, den Namen zu tilgen, desto trotziger wurden die Stadtväter. Es ist dem Verhandlungsgeschick des schleswig-holsteinischen Innenministers Hartwig Schlegelberger und des sozialdemokratischen Oppositionsführers im Kieler Landtag, Wilhelm Käber, zuzuschreiben, daß die Wesselburener dann doch ihren Starrsinn aufgaben.

So atmen die Kieler Minister jetzt erleichtert auf und werten den Wesselburener Schritt als einen Sieg der Vernunft und der „leichten Hand“. Wesselburens Bürgervorsteher Johannes Jans allerdings versuchte, den Trotz seiner Bürger zu rechtfertigen, denn „auch die bisherige Bezeichnung galt nur dem Adolf Bartels, der den hervorragenden Männern der Dithmarscher Geschichte in seinem Roman ‚Die Dithmarscher‘ ein Denkmal setzte und darüber hinaus für Friedrich Hebbel und Klaus Groth unermüdlich wirkte“. Und Jans fuhr fort: „Die Benennung der Straße nach Adolf Bartels ist von vielen Seiten als Provokation der in unserem Grundgesetz verankerten Menschenrechte aufgefaßt worden und hat uns, obwohl dieser Straßenname bereits 1922 zu Zeiten der Weimarer Republik von allen Fraktionen in der seinerzeitigen Stadtvertretung beschlossen wurde, allgemeine Verketzerung und den Vorwurf eingebracht, das deutsche Ansehen zu schädigen. Wir haben uns nicht leicht dazu entschlossen, über einen Verstorbenen zu rechten, der sich nicht mehr zu verteidigen und keinen Sinneswandel mehr zu deklarieren vermag. Wir haben aber so beschlossen aus der Verantwortung, die dem ganzen deutschen Volk aus seiner jüngsten Vergangenheit überkommen ist.“

Noch ein weiteres Zeichen Bartelsschen Ungeistes soll aus Wesselburen verschwinden. Der Neffe von Bartels, Bruno Bartels, hat angeordnet, das Grabdenkmal für seinen 1945 verstorbenen Onkel zu entfernen. Auf dem Grabstein fand sich neben einem völkischen Emblem der Vers: „Eine Sünd gibt’s nur auf Erden, alt und immer wieder neu, untreu seinem Volk zu werden – und sich selber ungetreu.“