Von Uwe Nettelbeck

Er lese wenig und Kitschromane schon gar nicht. Er wisse nicht einmal mehr, was er mit jenem auf schlechtem Papier gedruckten Buch gemacht habe. Schließlich habe es sich nicht um ein ernsthaftes Buch gehandelt, sondern um einen billigen Schmöker in einem abscheulichen Umschlag. Es wäre doch lächerlich gewesen, hätte er der Schwarte irgendwelche Bedeutung beigemessen.

Diese auf einen Krimi mit dem Allerweltstitel "Das junge Mädchen mit den Perlen" gemünzten Bemerkungen finden sich in den Memoiren eines Mannes, der Grund genug gehabt hätte, die Schwarte nicht im Papierkorb verschwinden zu lassen, in den Memoiren des Pariser Polizeikommissars Jules Joseph Anthelme Maigret –

Georges Simenon: "Maigrets Memoiren" (Les Memoires de Maigret), aus dem Französischen von Hansjürgen Wille und Barbara Klau; Kiepenheuer-Kriminalromane, Band 73, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 S., 2,40 DM.

So aber verpaßte Maigret Maigrets literarisches Debüt, denn nichts anderes verbarg sich hinter dem abscheulichen Umschlag.

Es ist ein altes Spiel der Literatur, Fiktionen ersten und zweiten Grades gegeneinander antreten zu lassen. Und es gibt kaum einen Krimi, in dem der Leser nicht darauf hingewiesen wird, daß er es nicht mit einem Krimi zu tun habe, kaum einen Papier-Detektiv, dem nicht irgendwann der Stoßseufzer entfährt, so einfach wie in einem Krimi sei der Fall, mit dem er sich herumschlage, leider nicht zu lösen. Simenon hat dieser, in der Regel nur beiläufigen Finte ein ganzes Buch gewidmet.

Der Maigret hinter Maigret hat weder für Simenon, diesen jungen Besserwisser, noch für Maigret, den Krimi-Helden, diesen lästigen Schatten, mit dem er habe leben müssen, allzuviel übrig. Simenon habe aus ihm einen dicken Kerl gemacht, eine Karikatur, schreibt Maigret verdrossen in seinen Memoiren, und das sei unhöflich, ja beleidigend gewesen. Es sei an der Zeit, einiges richtigzustellen.