Die Liste seiner Beschwerden ist lang: Da habe ihn Simenon ungefragt eines Tages einfach in den Ruhestand versetzt – viel zu früh und nur um jenes Häuschen in Meung-sur-Loire beschreiben zu können, in das er, Maigret, ihn, Simenon, unvorsichtigerweise einmal eingeladen habe; da habe Simenon immer wieder seine, Maigrets, Lebensdaten durcheinandergebracht, Untersuchungen an den Anfang seiner Laufbahn verlegt, die erst Jahre später stattfanden, und umgekehrt; da habe Simenon ihn und seine Frau Louise in mehreren Büchern am Place des Vosges wohnen lassen, dabei hätten er und Louise ihrer Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir die Treue gehalten und am Place des Vosges nur einmal ein paar Monate lang und keineswegs in ihren eigenen Möbeln gewohnt. Und schlimmer: Simenon habe den Neffen seiner Frau ohne Erklärung aus dem Verkehr gezogen, dabei wisse doch jedermann, warum dieser den Polizeidienst quittiert habe. Schließlich die Sache mit Torrence: Es sei ein anderer Inspektor gewesen, der in jenem Hotel an den Champs Elysées getötet wurde – Torrence lebe noch, habe ein florierendes Privatdetektiv-Institut aufgemacht und fahre einen mächtigen amerikanischen Wagen.

Aber am heftigsten regt sich Maigret über Kleinigkeiten auf, die seine Person und seinen Habitus betreffen. Hier habe Simenon unverzeihlich geschludert, seinen wahren Charakter verkannt, ihm Gewohnheiten angedichtet und Ticks nachgesagt. Ganz zu schweigen von der unsinnigen Behauptung, im Büfett der Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir habe immer eine Flasche mit Pflaumenschnaps gestanden. Es sei Himbeergeist gewesen – die Schwägerin im Elsaß habe ihm, Maigret, diesen Fehler Simenons konsterniert gemeldet.

Der arme Maigret. Es sei ihm mitunter schwergefallen, den literarischen Doppelgänger zu ertragen, klagt er. Zum Beispiel die neugierigen Fragen der Leute: Ob er denn die Methoden und Ticks des Krimi-Helden kopiere? Ob er wirklich Maigret heiße oder ob er diesen Namen von Simenon geborgt habe? Wo er seinen Mantel mit dem Samtkragen gelassen habe, wo den steifen Hut? Und der Ofen in seinem Büro am Quai des Orfèvres? Kümmernisse über Kümmernisse. Die Gemüsefrau, die keine Ruhe gibt, die Kollegen, die hinter seinem Rücken hämisch lächeln. Dieser fixe Schreiber aus Belgien habe in seinem Privatleben herumgepfuscht, seine brave Beani-> ten-Existenz zu einer Posse gemacht!

Aber Maigret wußte sich zu rächen – Maigret paßte sich Maigret an, um Simenon zu ärgern. Nicht ohne einen leisen Triumph zu verhehlen, gesteht Maigret, daß er Simenon mehr als einmal in Verlegenheit gebracht habe, wenn dieser ihn, des alten Maigret überdrüssig, besucht habe, um einen neuen Maigret zu finden, und dann nichts vorgefunden habe als seine eigene Erfindung. Und am Ende habe er mit Genugtuung Simenon dabei ertappen können, wie dieser selber die Gewohnheiten seiner Figur anzunehmen begann, wie Maigret Pfeife zu rauchen, zu sprechen und spazierenzugehen. Simenon sei, schreibt Maigret, drauf und dran, sich für ihn zu halten, seine Identität zu verlieren. Maigrets Memoiren sind eine ironische Variation des Simenonschen Themas: Nichts ist, wie es scheint.

Weit über hundert Maigret-Romane hat der fleißige Belgier geschrieben, sechzig davon liegen in deutschen, teilweise von Paul Celan besorgten Übersetzungen vor. Die drei neuesten erschienen jetzt zusammen in einem soliden gelben Leinenband –

Georges Simenon: "Maigret und das Verbrechen an Bord" (Au Rendez-vous des Terre-Neuvas – "Maigret und der geheimnisvolle Kapitän" (Le Port des brumes) – "Maigret verteidigt sich" (Maigret se defend), aus dem Französischen von Hansjürgen Wille und Barbara Klau; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 412 S., 12,80 DM.

Simenons deutscher Verleger hat kapituliert, die Produktion einzelner Titel eingestellt und die Auslieferung wie die Neuauflagen der bisher erschienenen Taschen-Maigrets dem Münchner Heyne Verlag übertragen, der auf Taschenkrimis und andere Taschensachen spezialisiert ist. Die kleinen schwarzen Bände mit den abscheulichen Umschlägen werden dort, sobald sie vergriffen sind, in kleine weiße, mit Photographien aus der Maigret-Serie der BBC verzierte umgekleidet. Bei Kiepenheuer & Witsch wird es künftig nur noch neue Simenons als Drei-in-einem-Buch-Maigrets geben.