Eine witzige Bosheit des alten Pfitzner hat einmal nicht wenig zur Popularität eines damals jungen Komponisten beigetragen. Über seine Ansicht zur Entwicklung der modernen Musik befragt, explodierte der „letzte Romantiker“: „Egk mich am Orff.“ Eine Götz-Variante, die freilich mehr über Pfitzner als über die beiden Betroffenen aussagt. Zumal Werner Egk, seinerzeit exzellenter Dirigent an der Staatsoper Berlin, hat das Wortspiel genossen.

Werner Egk, der am kommenden Dienstag 65 Jahre alt wird, Egk, der jahrzehntelang seinen international gültigen Namen makellos bewahrt hat, ist eine der nobelsten Erscheinungen der Gegenwart. Dies und die Tatsache, daß es sich bei ihm um einen vielseitig begabten, rundum gebildeten Geist handelt, hat ihm das Leben leicht, aber auch schwer gemacht: Leicht, weil die Fülle der Talente ihn dazu begnadete, für sich selbst zu leben, ohne nach anderen Ausschau halten zu müssen; schwer, weil ein reger, analytischer Verstand und die Fähigkeit, alle Möglichkeiten der Kunst anzuwenden, die subtilen und die derben, die der Zeichnung und die der Farbe, die des Skeletts und die des blühenden Fleisches, den schöpferischen Menschen zu sehr verlocken, hundert Wege zugleich zu gehen, bis er sich entschließt, er selber zu sein.

Egk ist Egk. Diese Originalität ist oft durch die Liebenswürdigkeit seines Wesens, die Weitläufigkeit seiner Haltung verdeckt worden. Den Bayern war er, der Bayer, dann nicht bayerisch genug, den Deutschen nicht deutsch genug, den Traditionellen nicht traditionell, den Modernen nicht modern genug. Aber immer, wenn es wieder soweit war, daß er zwischen allen Stühlen saß, bewahrte er die Haltung, die solcher Schwebelage angemessen ist: Grazie, Überlegenheit, intellektuelle Wachsamkeit, viel Humor; und auch das, was dazugehört: Selbstkritik und ein bißchen, ein kleines bißchen Melancholie.

Nichts geht so sehr fehl, als ihn, wie dies üblich ist, unter der Rubrik „Bayerischer Vollblutmusiker“ einzureihen. Daß er, der – ein Lehrerssohn – übrigens in der Nähe von Augsburg geboren wurde, in Lochham bei München wohnt, ist hierfür kein Grund. Egk ist überhaupt nicht einzuordnen, es sei denn unter: „Ja-aber.“ Beispielsweise wendet er im „Abraxas“-Ballett elektronische Instrumente an, jedoch hält er „unartikulierte Geräusche“ für Möglichkeiten minderer Art (gegenüber den Tönen). Oder auch: Er hatte nie etwas gegen das „Zwölfton-System“, aber ihn in die „Gruppe der Zwölftöner“ einschwenken zu sehen – dies Schauspiel wollte er nicht bieten. Übrigens war seine Palette stets reich genug, sich auszudrücken.

Glück und Gefahr der Begabungsfülle: Dieser Komponist weiß die Feder des Autors zu führen. Und ob die Schriftstellerbegabung, der sich obendrein noch ein kräftiges Zeichnertalent anfügt, ihn in seinem Komponistenwerk mehr hemmt oder fördert, ist ein müßiger Streit; denn man wird – wie im Falle des genialen Krenek – die Frage verschieden beantworten müssen: hier ja, dort nein.

Es gilt, die Gelegenheit zu ergreifen und Werner Egk, den 65jährigen, als einen Mann zu grüßen, an dessen Noblesse in allen menschlichen Sachen nie zu zweifeln ist. Josef Müller-Marein