H.C., Berlin

Tausende Männer und Frauen bis zum Greiseinalter wurden in wenigen Monaten von den Männern des Einsatzkommandos 9 in Rußland ermordet. Kinder wurden. in den Armen der Mütter erschossen. Wer nicht freiwillig in die Gruben sprang, wurde hineingestoßen und von hinten niedergeknallt. Danach gab es Schnaps.

Vier SS-Führer, die damals dem Einsatzkommando 9 angehörten, standen jetzt vor dem Schwurgericht Berlin. Niemand würde diese Bundesbürger für Mörder halten oder ihnen die satanischen Grausamkeiten zutrauen, die ihnen die Anklage vorwarf. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer und jetzige Industriekaufmann Wilhelm Wiebens (60) lächelte verbindlich und schüttelte ungläubig den runden Kopf, als der Staatsanwalt berichtete, wie Kinder bei sibirischer Kälte, nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf Lastwagen geworfen und zu den Mordstellen transportiert wurden. Es mußten Gruben in den festgefrorenen Boden gesprengt werden. „Diesmal haben wir viele Kinder dabei und brauchen weniger Platz“, kommentierte SS-Untersturmführer Tangermann eine von ihm geleitete Mordaktion. Später war er ein biederer Familienvater und technischer Angestellter.

Obwohl keiner der Angeklagten leugnen konnte, dem Einsatzkommando 9 angehört zu haben und Dokumente die Massenmordaktionen bewiesen, bestreiten die Angeklagten jede Schuld. Sie hatten niemals etwas von Judenerschießungen gehört; nur kriegsbedingte Einsätze gegen Partisanen gaben sie zu.

Mit wenigen Ausnahmen litten auch die 58 Zeugen an Gedächtnisschwund und mußten – wegen Verdachts der Mittäterschaft – von der Vereidigung ausgeschlossen werden. Andere Zeugen, die vor dem Untersuchungsrichter präzise Angaben über die Mordaktionen gemacht hatten, konnten sich plötzlich an nichts mehr erinnern.

Wie sollen die Gerichte Morde einzelner an Hunderten oder Tausenden sühnen? Prozesse gegen Mörder und Mordgehilfen der Naziherrschaft beweisen nach Ansicht des Schwurgerichts-Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Dr. Berger, daß nicht nur Außenseiter, sondern auch Repräsentanten das Staates Verbrechen begehen“. Aber die Kameraderie der Zeugen erschwerte die Beweisführung, machte sie im Fall des Einsatzkommandoführers Schaefer unmöglich. Er wurde – trotz schwerer Verdachtsmomente – aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Dem Hauptangeklagten Wiebens konnte nur die Erschießung von zwei jüdischen Handwerkern und zwanzig Zigeunern nachgewiesen werden.