Skandal bei den Radprofis – Staatsgesetze bringen keine Lösung

Von Adolf Metzner

Tour-de-France-Idol Jacques Anquetil hatte soeben die Radrundfahrt Lüttich–Bastogne–Lüttich mit fünf Minuten Vorsprung gewonnen. Umringt von den Fans, bahnte er sich den Weg zur Kabine. Dort wartete ein Herr auf ihn, der sich als Dr. med. Vebert auswies. Der Arzt wollte aber kein Autogramm, sondern er versuchte, dem Rundfahrtsieger ein leeres Uringlas in die Hand zu drücken, und bedeutete ihm, dies an diskretem Ort nach Kräften zu füllen. Doch gerade an diesen Kräften, so behauptete Anquetil wenigstens, fehle es ihm im Augenblick.

Bei dem Vorgang handelte es sich um eine Doping-Kontrolle. Diese werden von den Sportmedizinern der belgischen Sportverbände im Auftrag der Exekutive auf Grund des Staatsgesetzes vom 6. Mai 1965, das Einnahme von Doping-Mitteln verbietet, durchgeführt. So wie jetzt auch bei je drei Spielern von Real Madrid und Partizan Belgrad beim Europacub-Finale in Brüssel.

Ob nun Anquetil wirklich aufputschende Mittel eingenommen hat, deren Nachweis er verhindern wollte, ist nicht bekannt. Eher scheint, daß der Tour-de-France-König gegen den nicht gerade würdevollen Durchführungsmodus des Gesetzes protestieren wollte, als er selbst in Belgien nicht bereit war, vom hohen Sockel eines heroischen Denkmals herabzusteigen, um auf Kommando zum "Manneken-Pis" zu werden. Und so wuchs er in den Augen vieler Franzosen zu wahrhaft nationaler Größe empor, als er das dargebotene Uringlas zurückwies.

Inzwischen hat Anquetil gegen die vor kurzem im Beisein der Mitglieder des Medizinalrates und des Justizrates vom Sportkomitee des Belgischen Radsportverbandes verhängte Strafe: Deklassierung, das heißt Streichung von der Siegerliste, und Zahlung einer Geldbuße von 10 000 Franken (etwa 800 Mark), Berufung eingelegt. Außerdem wird er eine Zivilklage gegen den belgischen Verband anstrengen. Da ein Pedaleur von Anquetils Graden ein wohlhabender Mann ist, verpflichtete er sich als Verteidiger keinen geringeren als den bekannten Pariser Staranwalt Maître Floriot. Dieser will nun den Nachweis führen, daß die belgischen Verbandsfunktionäre das Gesetz falsch ausgelegt haben. Zwar hat sein Mandant vor dem Start ein Formular unterzeichnet, daß er "formell und unwiderruflich bereit ist, den vom Belgischen Radsportverband (LVB) bezeichneten Personen oder behördlichen Instanzen Urin- oder Speichelentnahmen oder Verpflegungsuntersuchungen zu analytischen Zwecken zu gestatten". Aber ungeklärt bleibt eben, ob Anquetil sich weigerte, eine Kontrolle vornehmen zu lassen, oder ob er nur unfähig war, das geforderte Untersuchungsmaterial zu liefern, so wie er es dem Rennarzt Dr. Collard, einem früheren belgischen Sprintermeister, unter der Dusche darstellte. Außerdem hat Dr. Vebert dadurch einen Formfehler begangen, daß er die Weigerung Anquetils nicht schriftlich niederlegen ließ.

Auch Altig weigerte sich