Pierre Galante: Le Mur de la Honte. Verlag Presses de la Cité, Paris; 314 Seiten.

Der Ausdruck „Schandmauer“, den Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister Berlins, prägte, ist zum Titel eines Buches geworden, das soeben in Paris erschien und dem man auch bei uns Verbreitung wünschen möchte. Sein Autor, Pierre Galante, gehört zum Redaktionsstab der Massenzeitschrift Paris Match, deren journalistische Methode danach strebt, Dokumentation und lebensvolle Erzählung zu verschmelzen. Hält die Erzählung sich eng an die Fakten, vermeidet sie Abschweifungen, beschränkt sie sich möglichst darauf, die Atmosphäre zu schildern, in der die Ereignisse sich abspielten, so wird auf diese Weise erreicht, daß die in den Annalen verzeichneten Geschehnisse sich vor den Augen des Lesers mit allen Details verwirklichen. Er teilt die Leiden, den Zorn, die Verzweiflung und die Hoffnungen.

Pierre Galantes Schilderung reicht bis ins Jahr 1964 und beginnt mit Ulbrichts grotesken Lügen. Tatsächlich hat er schon Anno 1958 die „Mauer“ erwähnt – lange, bevor sie errichtet wurde. Er sagte völlig überraschend in einer Pressekonferenz: „Kein Mensch hat vor, eine Mauer zu bauen.“ Damals (1958) hatten die Russen zum ersten Male gefordert, Berlin solle eine demilitarisierte „Freie Stadt“ werden. „Komisch“, so wunderte sich ein amerikanischer Radioreporter über Ulbrichts Dementi, „ich habe noch nie von einer Mauer sprechen hören.“ Dann vergaß man den Zwischenfall.

Insbesondere muß es für den Autor eine mühselige Arbeit gewesen sein, die scheinbar „banalen“ Situationen zu rekonstruieren. Wie die Schandmauer errichtet wurde (13. August 1961) – erst Stacheldraht, dann Betonpfeiler. Sperrgräben, endlich Betonwände, zwei- und dreifach gestaffelt, „Niemandsland“ – das ist unverrückbar im Gedächtnis der Berliner und leicht nachzuerzählen. Wie die Politiker der ganzen Welt reagierten, ist längst dokumentiert. Aber Pierre Galante nahm sich außerdem den Lebensweg einzelner „kleiner“ Leute vor, denen die Mauer zum Schicksal wurde. Und indem er diese Wege zurückverfolgte, gewann er das Material zu Schilderungen, die ans Herz rühren. Die Tatsache, daß zugleich mit der Teilung der Stadt viele Familien auseinandergerissen wurden, war zunächst unfaßbar. Warum sie dann flüchteten, die „kleinen“ Leute, das wird aus ihren Kurzbiographien völlig deutlich.

Der erste Mensch, der an der Mauer starb, war (1961) Ida Sieckmann, die in der Bernauer Straße 48 wohnte: eine Krankenschwester, mehr als sechzig Jahre alt. Sie wollte zu ihrer Schwester, deren Wohnung in der Nähe auf Westberliner Seite lag. Sie hörte Schritte eines Vopos im Treppenhaus, warf ihr Gepäck aus dem Fenster der dritten Etage und sprang, vor. Panik ergriffen, hinterher.

Die Geschichte der Bernauer Straße, deren eine Seite „westlich“, deren andere „östlich“ ist, nimmt großen Platz in der Erzählung ein. „Früher“, so sagten die Leute dort, „konnte man hier leben und sterben, ohne je Lust zu spüren, die Straße zu verlassen. Hier gab es alles: Geschäfte, Cafés, Restaurants, ein Krankenhaus, eine Kirche, einen Friedhof.“ Mittlerweile ist diese fast zwei Kilometer lange Straße die „unglücklichste Zeile der Welt“ geworden. Auf der „östlichen“ Seite sind die Häuser längst evakuiert, danach zum Teil zerstört oder der „Schandmauer“ einverleibt worden.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Schilderung des Besuches Kennedys in Berlin („Ich bin ein Berliner“), aber auch Zitate aus der Pressekonferenz de Gaulles (6. September 1961), in welcher der französische Staatschef von der Situation in Berlin sprach: „Sie (die Sowjets) mögen denken, daß die Vereinigten Staaten, England und Frankreich sich allmählich in Mutlosigkeit hineinsinken ließen, in Resignation. Sie könnten meinen, daß ein solches Zurückweichen der drei Mächte ein schwerer Schlag für die atlantische Allianz wäre, und daß, vor allem, in der ganzen Welt zutage träte, ein totalitäres Regime, ein totalitäres Lager im Angesicht eines geteilten und in Unsicherheit geratenen Westens sei die stärkste Macht.“