Von Kurt Wendt

Die AEG – nach Siemens der zweitgrößte deutsche Elektrokonzern – kommt nicht zur Ruhe. Auf der Hauptversammlung am 23. Juni in Berlin sollen die Aktionäre wieder einmal einem Konzernumbau zustimmen, der allerdings jetzt so weitgehend ist, daß danach schwerlich noch schwerwiegende Änderungen möglich sind. Das ist gut so, denn die AEG braucht in dieser Hinsicht dringend Ruhe. Seit Jahren werden wertvolle Energien hochbezahlter Führungskräfte durch einen ständigen Konzernumbau in Anspruch genommen. Jeder Schritt hat nicht nur sachliche Veränderungen mit sich gebracht, sondern zwangsläufig auch ein nicht zu unterschätzendes Maß an persönlicher Unsicherheit.

Für die AEG ist es ein großes Glück, daß das neue Aktiengesetz jetzt die "totale Konzernlösung" erzwingt. Die Telefunken AG wird in die AEG eingegliedert. Das gemeinsame Geschäft soll vom 1. Januar 1967 an unter dem Firmennamen Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft AEG –Telefunken geführt werden. Für den Hausgebrauch ohne Zweifel zu umständlich und zu lang. Aber offensichtlich wollte man nicht mit der Tradition brechen und vor allem nicht auf den Namen Telefunken verzichten, für dessen Pflege jährlich Millionen ausgegeben werden.

Mit der jetzt vorgeschlagenen Lösung wird eine festgefügte Einheit geschaffen, die ihr Vorbild im Haus Siemens findet, wo Siemens-Schuckert in diesem Jahr in den Siemens-Konzern integriert ist. Was jetzt bei der AEG vollzogen wird, ist weniger umwälzend als das, was der Konzern schon hinter sich hat. Seine eigentliche Reform war schon vor Jahren eingeleitet worden, und zwar von Dr.-Ing. Hans Heyne zuletzt Telefunken-Aufsichtsratsvorsitzender. Er hat den Konzern schon sehr gestrafft, nur hatte seine Lösung den Fehler, in der Führungsspitze auf seine Person zugeschnitten zu sein. Heyne wollte die AEG als Aufsichtsratsvorsitzender führen, er wollte die Klammer zwischen den beiden großen Konzernsäulen sein. Zu diesem Zweck schuf er die vielumstrittene Einrichtung der "Chefbesprechung", an der neben ihm noch die Vorstandsvorsitzender der AEG und von Telefunken teilzunehmen hatten.

Das deutsche Aktienrecht sieht die Instanz "Chefbesprechung" nicht vor. Sie kann deshalb nur funktionieren, wenn allseits dazu der gute Wille besteht. Denn schließlich muß der Vorstand dabei zugunsten des Aufsichtsratsvorsitzenden auf Rechte verzichten, der ihm vom Gesetz zugebilligt wird. Bei der AEG ist es nicht gelungen, zwischen Dr. Heyne und dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der AEG, Berthold Gamer, zustandezubringen. Unter spektakulären Umständen haben um die letzte Jahreswende beide ihre Posten zur Verfügung gestellt; Heyne hat nach der jetzt kommenden Neuordnung nur noch die Würde eines schlichten Aufsichtsratsmitgliedes.

In Berlin präsentierte sich der vereinigte AEG-Telefunken-Vorstand als ein in sich geschlossenes Team. Nicht der Funken persönlicher Differenzen wurde auf der Bilanzpressekonferenz mehr sichtbar. Es besteht der Wille, die Reform der AEG nun rasch zu einem guten Ende zu bringen. Hoffentlich bleibt die Geschlossenheit der Führungsspitze eine Dauererscheinung. Denn schon jetzt zeichnet sich das Problem ab, für den Vorstandsvorsitzenden, Dr. Hans Bühler, 64 Jahre alt, in absehbarer Zeit einen Nachfolger finden zu müssen.

Es wäre sicherlich falsch, in Bühler lediglich, eine "Übergangslösung" zu sehen. Er hat sein Amt in einer kritischen Situation angetreten und es verstanden, die Periode peinlicher persönlicher Auseinandersetzungen und Mißhelligkeiten zu beenden. Aber letzten Endes läßt sein Lebensalter Spekulationen auf den Nachfolger nicht als abwegig erscheinen. Wird es ein Techniker sein? Oder schiebt sich jetzt wieder der Kaufmann und Finanzmann in den deutschen Konzernen nach oben? Kommt ein Repräsentant der alten AEG an die Spitze oder wird es ein Telefunken-Mann sein? Für Vermutungen und Kombinationen ein weites Feld.

Die Volleingliederung von Telefunken in die AEG ist nur ein Teil der weitergeführten Neuordnung. Die Hydrawerk AG, Sachsenwerk Licht- und Kraft-AG, Nationale Automobil-Gesellschaft AG und die Elektrofinanz AG werden gleichfalls eingegliedert. Hierbei handelt es sich zwar um keine bedeutsamen Veränderungen, doch zeigen sie den Willen, den bisher recht umständlichen Konzernaufbau zu vereinfachen. Mit der Olympia Werke AG und der Ludw. Loewe & Co. AG werden Beherrschungsverträge abgeschlossen.

Die beiden Kabelwerke – die Norddeutsche Kabelwerke AG und das Kabelwerk Duisburg – sollen fusionieren und unter dem Namen Vereinigte Draht- und Kabelwerke AG zu einem späteren Zeitpunkt eingegliedert werden. Diese Konzentration in der deutschen Kabelindustrie ist nur möglich, weil im vergangenen Jahr fast das gesamte Aktienkapital des Kabelwerks Duisburg übernommen werden konnte. Eine Mehrheitsbeteiligung ist auch an der F. Küppersbusch & Söhne AG, Gelsenkirchen, erworben worden. Sie ermöglicht eine bessere Programmabstimmung auf dem Haushaltgerätesektor, auf dem die AEG-Telefunken-Gruppe eine führende Stellung einnimmt. An der Produktion von Waschgeräten in der Bundesrepublik besitzt die AEG einen Anteil von 20 bis 30 Prozent, bei Kühlschränken von 15 bis 18 Prozent.

Die AEG hat sich im vergangenen Jahr die Konzernabrundung rund 100 Millionen Mark kosten lassen. Sie weiß, daß man nur durch Konzentration auf dem Weltmarkt zu einer wettbewerbsfähigen Größe gelangt. Daneben wird auch der "zweite Weg", nämlich den der Kooperation, mit Erfolg beschritten, auch wenn man im Vorstand darüber nicht gern spricht. Begreiflich nach dem "offiziellen" Echo, das der Zusammenarbeit zwischen Siemens und Bosch auf dem Haushaltgerätesektor gefolgt ist. Zwischen der AEG und der Brown, Boverie & Cie (BBC) sind ähnliche Fäden gesponnen worden, ohne daß es bislang zu vertraglichen Bindungen kam.

Expansion kostet Geld, ebenso die beträchtlichen Investitionen. Im Vergleich zu anderen Konzernen war die Investitionstätigkeit der AEG bislang relativ niedrig. Finanzchef Johannes Semler beteuerte aber, daß daran nicht die Finanzkraft der AEG schuld gewesen ist. Sicherlich habe der Kapitalmarkt eine gewisse Rolle gespielt, aber ebensosehr die Schwierigkeit, neu geschaffene Arbeitsplätze auch besetzen zu können. Die AEG hat es bislang vermieden, Produktionsstätten im Ausland zu schaffen; der Ausbau der ausländischen Vertriebsorganisationen hatte Vorrang. Diese Linie läßt sich jetzt nicht mehr durchhalten. Im Ausland werden dort Fertigungsbetriebe errichtet, wo die Regierung einen nationalen Anteil an der Fertigung verlangt.

1965 betrugen die gesamten Neuzugänge des Anlagevermögens rund 360 Millionen Mark., 1966 werden es weniger werden, weil bei den Beteiligungen diesmal nur Zugänge von 10 bis 20 Millionen erwartet werden. Für die Sach-Investitionen ist ein Betrag von 240 Millionen vorgesehen, also etwa der gleiche Betrag wie 1965.

Im vergangenen Jahr schaffte man Finanzmittel über die Aufnahme einer auf Mark lautenden Anleihe, die in Luxemburg aufgelegt wurde, um sie von der deutschen Kuporisteuer freizuhalten. Zu diesem Zweck wurde in Luxemburg eigens eine AEG-Tochtergesellschaft gegründet. Die mit dieser Anleihe aufgebrachten Gelder dienen der Investitionsfinanzierung im Ausland, wie ausdrücklich erwähnt wird, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, die AEG durchkreuze die Restriktionspolitik der Bundesbank durch die Hereinnahme von kuponsteuerfreien Auslandsgeldern. Tatsächlich hat ein Unternehmen natürlich die Pflicht, sich seine Gelder dort zu beschaffen, wo es sie am billigsten gibt. Es ist nicht abzustreiten, daß die Luxemburger Anleihe die Konzernkasse in der Bundesrepublik vortrefflich entlastet und ihr Möglichkeiten zur weiteren Expansion geboten hat.

In diesem Jahr werden nun wieder die Aktionäre zur Kasse gebeten. Die Emission einer Inlandsanleihe ist wegen des zerrütteten Kapitalmarktes praktisch unmöglich. Mit einem siebenprozentigen Nominalzins läßt sich selbst eine AEG-Anleihe nicht mehr verkaufen. Eine Kapitalerhöhung scheidet ebenfalls aus. Selbst wenn man zu einem niedrigen Ausgabekurs die jungen Aktien anbieten würde (was sich die AEG eigentlich nicht leisten könnte), müßte die Kapitalerhöhung zum jetzigen Zeitpunkt zu einem Druck auf die Aktienkurse führen. Es blieb deshalb nur eine Wandelanleihe, ein Finanzierungstyp, mit dem in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht worden sind.

Noch nicht alle Konditionen der Wandelanleihe sind heute schon fixiert. Das wird erst unmittelbar vor der Hauptversammlung geschehen, um möglichst kapitalmarktgerecht sein zu können. Der Betrag der neuen Emission geht über

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76,8 Millionen Mark. Das Bezugsverhältnis wird demnach 6 : 1 sein. Im Verhältnis 3:1 sollen später die Stücke der Wandelanleihe in AEG-Aktien getauscht werden können. Dabei setzt das Wandelrecht ab 1. 1. 1969 ein, die Laufzeit der Anleihe soll längstens 12 1/2 Jahre betragen. Offen sind noch der Zinssatz (er wird vermutlich zwischen 6 und 6 1/2 Prozent liegen) und der Aufschlag, der bei der Umwandlung in Aktien gefordert werden soll.

Die AEG war nicht nur in der Konzernbastelei sehr aktiv. Auch geschäftspolitisch wurde eine beträchtliche Aktivität entwickelt. Am erfolgreichsten war in dieser Beziehung die alte AEG mit einem Umsatzzuwachs von 11,7 Prozent. Damit wurde die Wachstumsrate der Elektroindustrie von 11,2 Prozent im Jahre 1965 leicht übertroffen. Nimmt man allerdings die Gesamtgruppe, so verschlechtert sich das Bild, denn dann beträgt die Umsatzzunahme nur noch 8,8 Prozent, und zwar deshalb, weil bei Telefunken der Umsatz stagnierte. Für den Vorstand kam das nicht unerwartet. Bei Telefunken war das Umsatzwachstum in den vorangegangenen Jahren überdurchschnittlich gewesen, beeinflußt durch Sonderprogramme, für die keine Anschlußaufträge gefunden werden konnten. Bei Telefunken schlug sich schließlich auch die Finanznot der Bundespost nieder.

Die Erträge haben mit der Umsatzausweitung nicht Schritt gehalten. Semler hatte keine Hemmungen, der Rechnung zuzustimmen, daß sich der Gewinn je Aktie im Jahre 1965 von 34 auf 32 Mark verringert hat. "Wir werden der Entwicklung, die die Kosten, insbesondere die Personalkosten, stärker steigen läßt als die Produktivität, nicht tatenlos zusehen, sondern durch verstärkte Rationalisierung versuchen, die Arbeitsproduktivität in den Fabriken weiter zu erhöhen", erklärte Semler zu diesem Thema. Das ist zweifellos leichter gesagt als getan. Sehen wir uns die Personalkostenentwicklung in den letzten 8 Geschäftsjahren an, so finden wir, daß in dieser Zeit die Belegschaftszahl um 22 Prozent gestiegen ist, aber der Personalaufwand um 115 Prozent. Es ist schwerlich anzunehmen, daß dieser Tendenz allein durch Rationalisierungserfolge beizukommen ist.

Hier wird der Zwang zur Expansion sichtbar; es müssen jährliche Zuwachsraten im Umsatz erzielt werden, mit deren Hilfe ein Teil der Unkostensteigerungen aufgefangen werden kann. Für 1966 rechnet die Verwaltung mit einer Zunahme des Umsatzes um 7 Prozent. Diese Prognose ist deshalb so interessant, weil im 1. Quartal der Umsatz auf Vorjahreshöhe geblieben ist. Und reichen 7 Prozent aus, um die Kostensteigerungen aufzufangen? Wahrscheinlich nicht bei den bisherigen Preisen. Aber wo lassen sich höhere Preise durchsetzen? Auf den internationalen Märkten nur sehr begrenzt. Es ist schon sehr schwergefallen, die in den letzten Monaten kräftig gestiegenen Kupferpreise zu überwälzen. (Die höheren Kupferpreise haben allein zu einer Umsatzanhebung um 1/2 Prozent geführt). Zudem entfallen nur 22,9 Prozent des Gruppenumsatzes auf den Export.

Und im Inland? Auf dem Haushaltsgerätesektor herrscht ein harter Wettbewerb, teilweise durch Überkapazitäten. Auf dem Fernsehsektor sieht es nicht anders aus. Nicht umsonst sind in der konsolidierten Bilanz die Vorräte um rund 120 Millionen höher geworden. Das ist nicht nur mit dem gestiegenen Geschäftsumfang zu erklären.

Gewisse Hoffnungen macht sich AEG-Telefunken auf das Wachstum im Exportgeschäft. Der Ausbau der Exportorganisation beginnt sich auszuzahlen. Bei Telefunken konnte der Export auf ein. Fünftel des Gesamtumsatzes gesteigert werden. Zusätzlich wurde die Auslandsposition durch die Vergabe von "know-how"-Verträgen für den Nachbau von Rundfunk- und Fernsehgeräten sowie Bauelementen verstärkt. Vor dem Abschluß steht die Gründung von je einer Beteiligungsgesellschaft in Indien und Pakistan für den Bau von Rundfunk- und später auch Fernsehgeräten. Dr. Felix Herriger, bislang Vorstandsvorsitzender des Telefunken-Vorstandes und künftig stellvertretender Vorstandsvorsitzender der vereinigten Gesellschaft, ist der Ansicht, daß in diesem Jahr Telefunken mit einem Umsatzzuwachs aufwarten kann, der sich im Rahmen der geschätzten durchschnittlichen Steigerung der deutschen Elektroindustrie hält.

Große Hoffnungen setzt Herriger auf das Farbfernsehen. Im Juni wird der Internationale Ausschuß für das Funkwesen in Oslo über das in Europa einzuführende Farbfernseh-System beraten. Dabei wird sich wahrscheinlich eine westeuropäische Mehrheit für das von Telefunken entwickelte PAL-System ergeben, was Frankreich sicherlich nicht hindern wird, auch hier eigene Wege zu gehen. Herriger schätzt, daß der Preis für Farbfernsehempfänger 2 1/2 mal so hoch sein wird wie der der normalen Schwarz-Weiß-Geräte. Telefunken kann mit erheblichen Lizenzeinnahmen rechnen, wobei aber wohl berücksichtigt werden muß, daß die Gesellschaft ihrerseits Lizenzeinnahmen an die amerikanischen Unternehmen abführen muß, die Inhaber jener Patente sind, auf die PAL aufbaut. Vorläufig ist PAL allerdings erst Zukunftsmusik, auch wenn die Börse glaubt, sie schon jetzt im AEG-Aktienkurs zum Klingen bringen zu müssen. Mit dem Farbfernsehen wird in der Bundesrepublik und in Großbritannien, das sich ebenfalls für PAL entschieden hat, erst im Herbst 1967 begonnen.

Was hat nun der Aktionär in Zukunft von seiner Gesellschaft zu erwarten? Die Dividende von jetzt 16 Prozent erscheint auch langfristig gesichert. Da die AEG bei ihrem Expansionsstreben ständig auf den Kapitalmarkt, also auf die Aktionäre, angewiesen sein wird, kann sie sich eine Kürzung der Ausschüttung dann nicht leisten, wenn sich ihre Rentabilität nochmals verringern sollte. Hinsichtlich der Ertragskraft kann sich die AEG mit dem Haus Siemens nicht ganz messen, Siemens registrierte für 1964/65 (30.9.) einen Gewinn von etwa 38 Mark je Aktie. Die Differenz zwischen dem AEG-Kurs von 441 Prozent und dem von Siemens von 460 Prozent ist deshalb sicherlich gerechtfertigt.