Hannah Arendt: Über die Revolution, Piper-Verlag, München, 426 26,00 DM.

Die Geschichte ist auf der Seite der Freiheit!“, behauptete Anfang des Jahres Präsident Johnson in seinem dem Kongreß verkündeten „State of the Union Message“, Damit fixierte er beispielhaft. die amerikanische Selbsteinschätzung gegenüber den politischen Zuständen der Gegenwart, von denen Hannah Arendts weltgeschichtliche Analyse „Über die Revolution“ als einem Zeitalter der Kriege und Revolutionen spricht.

Dieser optimistischen Geschichtsdeutung des höchsten politischen Repräsentanten der Vereinigten Staaten, in der sich die amerikanische Dogmatik in allen Angelegenheiten politischer Herrschaft widerspiegelt, steht eine tiefe Skepsis Hannah Arendts gegenüber. Das Ergebnis ihrer Überlegungen ist die Einsicht, daß die Geschichte nicht unbedingt auf der Seite der Freiheit steht.

Das Urteil der Autorin über die Geschichte der letzten 180 bis 200 Jahre vom Beginn der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und dem Ausbruch der großen Französischen Revolution bis auf unsere heutigen Tage ist hart, wenigstens was die kontinentaleuropäischen Verhältnisse betrifft. Die Geschichte hat Tradition und Geist der Revolution, die in Gründung und Bewahrung der „Freiheit“ einmünden sollten, verschüttet. Das, was die revolutionäre Bewegung selbst erstrebte oder allen nachfolgenden Generationen zu vollenden aufgab, nämlich die „constitutio libertatis“ als universelles Modell politischer Existenz, wurde verraten, paradoxerweise durch jene Anwälte der sozialen Gerechtigkeit, die die Vollendung der Revolution zur Sache der proletarischen Massen machten, mit dem Ergebnis, daß deren Herrschaftsordnung tyrannische oder diktatorische Formen annahm. Das eigentliche Motiv allen revolutionären Elans, die Freiheit, geriet dabei so vollständig in Vergessenheit, daß Hannah Arendt bezweifelt, ob in Zukunft die Menschheit sich des Zustands der unvollendeten Revolution bewußt wird.

Wenn Robespierre ausruft: „Habt ihr eine Revolution ohne Revolution gewollt?“, so stellt Hannah Arendt – freilich unausgesprochen – die Frage: Habt ihr eine Revolution gewollt, ohne die Freiheit zu wollen? Mit diesem Gedanken geht die Autorin ans Werk und entreißt mit einer gedanklichen Schärfe, für die es in der politischphilosophischen Literatur allerjüngsten Datums kein Beispiel gibt, ein Thema von weltgeschichtlicher Bedeutung dem allgemeinen Vergessen.

Die Revolution hat uns, wie Hannah Arendt schreibt, nicht die Freiheit, sondern lediglich die Wohlfahrt beschert. Nicht die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen wurde aufgehoben, klagt sie, sondern der gesellschaftliche Lebensprozeß wurde in seiner vollen Produktivität entfesselt, damit schließlich ein Strom des Überflusses die ganze Erde überflute.

In einem großangelegten Vergleich schildert uns Hannah Arendt die amerikanische und die französische Revolution als die beiden Seiten einer Medaille des revolutionären Prinzips der Neuzeit. Die verfassungsgebende Tätigkeit ist es auch, an der sich, nach Hannah Arendt, erweist, ob der Geist der Revolution, nämlich die Freiheit zu gründen und zu sichern, zu seiner wahren Bestimmung kommt. Das demonstriert die Autorin – und dieser Umstand macht die Schrift „Über die Revolution“ zu einer Apologie auf die Vereinigten Staaten – bestechend an der Vorgeschichte der amerikanischen Verfassung.