Von Horst Hachmann

In Lugano trifft sich wieder die elegante Welt. Durchschnittlich 209 Sonnentage im Jahr glauben die luganesischen Hofmeteorologen garantieren zu können. Zwanzig oder dreißig davon hoffen sie mitzubekommen, die Manager, die vielgeplagten, von der Alltagshektik müde gewordenen Kreislaufgeschädigten des Wohlstandes. Sie finden sich ein mit der Regelmäßigkeit von Zugvögeln. Die Reichen ziehen ins eigene Ferienhaus am Seeufer oder an den Hängen der Berge oder mieten sich im mondänen Lugano-Paradiso ein, die anderen steigen in einer der zahlreichen, pieksauberen Albergies ab, die man in Lugano so zahlreich findet wie hierzulande die bürgerliche Stammkneipe. Für 30 Franken Vollpension läßt es sich hier gut leben.

Gewiß, der Fremdenverkehrschef im Schweizer Sonnengarten Tessin hält mehr Trumpfkarten in der Hand als die meisten seiner Kollegen. Er braucht keine Superlative auf seine Prospekte zu drucken. Seine Stadt am ewig blauen Seeufer mit ihren pittoresken Winkeln, ihren eleganten Geschäften, Parks mit subtropischer Vegetation, ihren lebensfrohen Menschen birgt im Überfluß, was man woanders mühsam suchen muß: ob man am Seeufer steht, den Möwen und den Schiffen der stolzen Seeflotte zusieht oder ob man hinauffährt auf den Monte Bré, den Hausberg der Ferienstadt, und aus gut tausend Meter Höhe den Blick genießt über den buchtenreichen See bis hinüber zum Monte Salvatore. Das hat sich herumgesprochen in Kreisen der Industrie und Hochfinanz, bei den Künstlern. Es kam, wie es kommen mußte: Lugano mit seinen knapp 20 000 Einwohnern hat in den Tagen der Hochsaison das Fludium einer Weltstadt, mit gesellschaftlichem Rummel, aber auch mit kulturellen Attraktionen, wie sie sonst kaum eine Kleinstadt zu bieten vermag. Wer auf die typisch Luganer Luft nicht verzichten will, aber dennoch ein wenig abseits gediegene Geruhsamkeit sucht, ist gut beraten, wenn er sich außerhalb der Stadt einmietet, in einem der Hotels vielleicht, die sich an die Berghänge schmiegen.

Doch es gibt auch Tage, an denen in Lugano die Sonne nicht scheint. Meist blicken die Luganesen besorgt nach Nordwesten, wenn über den Bergen drohende Gewitterwolken aufziehen. „Malcantone“ haben sie jenen Landstrich um den Monte Lema genannt, der ihnen die Sonne zu verdunkeln droht, die „schlechte Ecke“. Eine Fahrt in dieses „Malcantone“ indessen beweist, daß der Name eine Verleumdung ist. Die „schlechte Ecke“ ist nämlich ein Geheimtip unter Kennern geworden. Immer mehr Feriengenießer ziehen sich in die schöne Bergeinsamkeit hoch oben über dem Luganer See zurück. Sie haben hier die Ruhe einer von der Zivilisation nahezu vergessenen Landschaft mit endlosen Spazierwegen durch üppig wuchernde Wälder und finden doch eine Gastronomie, die dem berühmten Schweizer Hotelstandard zur Ehre gereicht. Und es ist nur ein Katzensprung nach Lugano.

Malcantone beginnt am Flughafen Agno. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Tessiner Bergdortchen an schmalen, serpentinenreichen Straßen auf: Boggio, Cademario, Breno, Migliegla, der Ausgangsort zum Monte Lema, Novaggio, Astano. Es sind Namen, die man kaum gehört hat. Ich bin in diesen Tagen in den letzten Winkel der „schlechten Ecke“ der Schweiz gefahren und habe in Astano eines der wenigen noch erhaltenen Paradiese getroffen. Endeckte man nicht hier und da einen Lichtleitungsmast oder eine Fernsehantenne auf dem Dach eines der verwitterten Häuschen mit den römischen Arkadenbögen, dann könnte man meinen, hier sei die Zeit vor hundert Jahren stehengeblieben.

Jene, die diese Häuschen bauten, arbeiteten für zwei Pfund Brot als Tageslohn. Und obwohl heute doch ein bescheidener Wohlstand in das Dorf gekommen ist, hält man an den familiären Traditionen fest wie vor Urväterzeiten. Im Mittelpunkt des Wohnraumes flackert das Feuer im Kamin, blankgeputzt hängt das Kupfergeschirr an den Wänden. Es gehört zum Charakter der Schweizer, daß man mit seinem Besitz nicht protzt. Auch die Fassade des renommiertesten Hotels von Astano, der „Albergo della Posta“, ist gemessen an dem, was sich hinter ihr verbirgt, reine Tiefstapelei. In dem alten Patrizierhaus verbirgt sich eine Oase der Gastronomie, die höchsten Ansprüchen gerecht wird. Ein Advokat aus Lugano hat sein Vaterhaus mit erlesenem Geschmack eingerichtet: traditioneller Tessiner Stil mit modernstem Wohnkomfort. Um einen Innenhof mit südländischer Vegetation und romantischen Weinlauben gruppieren sich die Hotelgebäude. Man kann modern wohnen oder in einem Tessiner Bauernschlafzimmer, man kann seinen Tee in einem Tessiner Kaminzimmer nehmen oder in der modernen Bar einen Campari trinken. Die Speisekarte des Hotels entzückt den Feinschmecker.

Auch von Astano aus kann man an klaren Tagen hinuntersehen auf den See. Vereinzelt entdeckt man in dieser Einsamkeit eine Handvoll Ferienhäuser. Die Gefahr, daß viele neue hinzukommen, besteht nicht. Die Patrizier, denen der größte Teil des Landes mit dem üppigen Baumbestand gehört, sind daran interessiert, daß die Ursprünglichkeit der Landschaft erhalten bleibt. Sie sind gegen die Überfremdung, die an anderen Plätzen soviel Kritik ausgelöst hat. Und wenn sie einmal ein Grundstück veräußern, sehen sie sich ihre Kunden sehr genau an.

Gleich hinter Astano beginnt Italien. Man kann die Grenze nicht übersehen. Ein vierfach gezogener Stacheldraht markiert sie. Denn hier blüht zwischen den Ländern ein reger Schmuggel. Schweizer Zigaretten sind in Italien sehr begehrt.

Mit 30 Franken (Vollpension) pro Tag läßt es sich hier gut leben. Erfreulich ist, daß man einen Inklusivpreis eingeführt hat. Der angegebene Pensionspreis ist zugleich der Endpreis, denn er enthält sowohl die Bedienungsgelder als auch alle Taxen. Der beste Anfahrtsweg mit dem Auto führt über den St. Gotthard, Bellinzona, Taverne, Agno. In Magliaso verläßt man die Hauptstraße nach Ponte Tresa und ist in zehn Minuten am Ende der Schweiz, in Astano.