Wir hätten uns heute sicherlich ein anderes Haus gebaut“, entschuldigt sich Erich Selbach, Vorstandssprecher der Girmes-Werke AG, für den Baustil seiner Vorgänger, der deutlich den Stempel der Jahrhundertwende trägt. Aber unverkennbare Freude zeigt er, wenn der überraschte Besucher, der durch ein Labyrinth von schmalen Gängen, Fluren und Treppen die Beletage der weißen Villa im Fabrikgelände dennoch gefunden hat, entzückt ist von der heiteren Schönheit dieser Räume, die an eine Sommerresidenz denken lassen, aber nicht eigentlich an ein Konzernbüro.

Keine gigantischen Ausmaße, keine Managerbastion aus Chrom und Stahl, dafür ein sehr persönlicher Geschmacks ein riesiges Fenster – dieses natürlich das Werk moderner Architekten –, das einen bezaubernden Ausblick freigibt auf einen Park mit viel Rasen und üppig blühenden Bäumen und Sträuchern. Das ist nicht nur Kulisse, das ist – die optische Täuschung durch das von textilen Erzeugnissen unverhüllte Fenster ist vollkommen – der beherrschende Eindruck dieses Raumes, der viel Atmosphäre hat und der zu dem Hausherrn paßt, der so offenkundig den schönen Dingen des Lebens zugewandt ist.

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Es gehört schon fast Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß hier auch ernste Probleme gelöst werden müssen. Wer wie Erich Selbach seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein deutsches Textilunternehmen führt, der hat ganz bestimmt Schwierigkeiten kennengelernt. Aber es bedarf überhaupt keiner Phantasie sich auszumalen, daß hier Ideen geboren werden.

Das ist das Metier des keineswegs nüchternen Juristen, der bewußt darauf verzichtet, innerhalb der Vorstandstroika ein spezielles Ressort zu bekleiden. „Glücklicherweise ist unser Laden gut im Schuß“, heißt es mit fast schon englischem Understatement. Eine weitgehende Dezentralisierung ist hier das Prinzip der Unternehmensführung, viel Selbständigkeit bis hinein in die mittlere Ebene. Der Konzernchef schwört auf die „leichte Hand“. Vielleicht ist sie deswegen auch eine glückliche Hand?

Erich Selbach kann und will nicht alles selber machen, aber er hat die Phantasie, die ein Unternehmer braucht, um Impulse geben und empfangen zu können. Ideen aber sind der Motor der durchaus nicht branchenüblichen Erfolgskurve der Girmes-Werke, an denen die bundesdeutsche Textilkrise gewissermaßen spurlos vorbeigegangen ist.

„Ich bin immer gegen die Klagelieder der Textilindustrie gewesen“, bekennt der eigentlich immer optimistisch gestimmte Girmes-Chef. „Selbst wenn es einem Wirtschaftszweig wirklich schlecht geht, ist das lautstarke Jammern keine unternehmerische Alternative.“