Der Architekt fehlt am Herd

Von Manfred Sack

Die Vorstellung gab ein Professor: Dr. Elfriede Stübler, Direktorin der Bundesforschungsanstalt für Hauswirtschaft in Stuttgart-Hohenheim. Ihrem Schauspiel folgte ein Publikum, daß aus Anlaß eines Jubiläums zusammengekommen war; gefeiert wurde das zehnjährige Bestehen der Arbeitsgemeinschaft "Die moderne Küche", zu der sich 1956 eine Anzahl von Küchenfabrikanten, dazu Hersteller von Küchengeräten und Lieferanten einschlägigen Zubehörs zusammengeschlossen hatten. Auf ihre Fahne haben sie den Vorsatz geschrieben, so modern und so gut und so praktisch wie möglich das zu bauen, womit man einen Küchenraum ausstattet.

Abgesehen von handwerklicher Qualität wollten sie vor allem erreichen, eine gemeinsame Norm zu finden, mit deren Hilfe der Küchenbetrieb zu rationalisieren wäre. So haben diese Fabrikanten zum Beispiel mitgewirkt, als der Deutsche Normenausschuß 1957 zum erstenmal die Norm DIN 18022 (die Küche betreffend) herausgab. Kurzum: man einigte sich auf bestimmte Maße – eine Voraussetzung, um beispielsweise das wirksam zu machen, was die Stuttgarter Professorin in Hamburg demonstrierte.

Nach einer kurzen theoretischen Erörterung, in der von der Küchenarbeit als einer "Mehrstellenarbeit mit zeit-ungleichen Vorgängen" – etwas, das jeden Rationalisator wirtschaftlicher Vorgänge zu Kopfzerbrechen veranlaßt – die Rede war, begab sich die Gelehrte vom Katheder an einen Tisch unters Publikum und begann, zwei junge Damen auf dem Podium zu dirigieren. Aufgebaut waren dort zwei Küchen, beide gleichermaßen mit modernem Mobiliar und modernen Geräten ausgestattet, aber die eine im durchaus landläufigen Sinne, funktionell falsch, die andere trotz jahrelanger Propagierung selten, aber richtig. In beiden Küchen hantierte die eine junge Dame, damit beschäftigt, alle Handgriffe, Handreichungen, Handarbeiten auszuführen, die nötig sind, um ein Frühstück samt Müsli aus Haferflocken, Nüssen, Äpfeln und so weiter herzustellen. Sie öffnete Schränke, sammelte die Utensilien, wusch, schälte, mahlte, mischte, rührte, kochte – kommandiert von der Professorin.

An der Seite stand die zweite junge Dame vor den jeweiligen Grundrissen beider Küchen und zeichnete mit einem Wollfaden über Nägel die Wege nach, die die Hausfrau jedesmal zu gehen hatte. Das Ergebnis rührte selbst erfahrene Beobachterinnen zu Überraschungsrufen: in der falschen Küche marschierte die junge Dame 112,50 Meter, in der richtigen Küche war sie bereits nach 62,50 Metern am fertigen Frühstückstisch. Männer, denen der Ernst des Spieles nicht ganz eingegangen war, hielten nicht zurück mit Bemerkungen wie: Gehen hält ja auch schlank. Unsere Großmütter müßten demnach gertenschlank gewesen sein.

Diese Bewegungsstudie war, nimmt man’s absolut, keine Novität. Sie ist hier und da schon öffentlich vollzogen worden, ihr Ergebnis in Zeitschriften unzählige Male gepredigt worden. Dazu gehört auch die bis zum Überdruß bekräftigte Grund-Reihenfolge, die beim Aufbau einer Küche zu beachten ist: Spültisch – Arbeitsfläche – Herd.