Es dreht sich wieder, das gewohnte Karussell der sommerlichen Reit- und Springturniere. Nach Ludwigsburg kam das Pfingstturnier in Wiesbaden, jetzt das Deutsche Spring-, Dressur-, Fahr-Derby in Hamburg, dann kommt Aachen und schließlich die Europameisterschaft in Luzern. Dazu noch dieses und jenes Treffen der Reiterelite in Amsterdam, in Genf oder wo auch immer im Ausland. Und es sind immer dieselben Namen von Pferden und Reitern, die im Programm stehen, auf den Bildschirmen erscheinen oder in den Siegerlisten verzeichnet werden. Selten einmal, daß ein neuer Name auftaucht, noch viel seltener, daß ein neuer Name einmal in den Siegerlisten erscheint. Jahrelang beherrschten ein Fritz Thiedemann, ein Hans-Günther Winkler, die Brüder d’Inzeo oder ein d’Oriola die Parcours. Und das reitsportbegeisterte Publikum weiß schon genau, daß dieses Pferd den Wassergraben nicht liebt oder jenes ständig Schwierigkeiten an einem Steilsprung hat.

Eine Ausnahme in diesem rotierenden Stelldichein der Springreiter bildet das Deutsche Springderby auf dem seit 1920 unveränderten Parcours in Hamburg-Klein-Flottbek. Mögen auf anderen Plätzen die Parcours auch immer anders abgesteckt werden, die Zahl der Kombinationen ist begrenzt, genauso begrenzt wie die Anzahl oder die Höhe der Hindernisse. Den Großen Wall mit der kurz dahinterstehenden Weißen Bretterplanke und Pulvermanns Grab gibt es nur in Hamburg. Vor 46 Jahren erdachte Pulvermann, selbst ein Springreiter von hohen Graden, diesen Parcours, der auf der langen Strecke von 1350 Metern über 17 Hindernisse mit 24 Sprüngen führt, natürliche Sprünge wie sie in der holsteinischen Landschaft zu finden sind.

So ist es verständlich, wenn diese Mammutprüfung von jeher die Reiterelite der Welt reizt und das blaue Band des Siegers mit Sicherheit mehr gilt als manch anderer Turniersieg. Zum achtunddreißigstenmal wurde das Deutsche Springderby am vergangenen Sonntag ausgetragen und bis zu diesem Sonntag hatte es auf dem traditionellen Platz in Klein-Flottbek erst 36 fehlerlose Ritte gegeben. 16 Jahre lang mußten die Veranstalter, der Norddeutsche und Flottbeker Reiterverein warten, bis 1935 G. Temme auf dem Holsteiner Egly die 1350 Meter überwand, ohne in den Wassergraben zu tappen, ohne ein Klötzchen von der Mauer zu stoßen oder die vertrackte Planke hinter dem Großen Wall abzustreifen.

Am letzten Sonntag nun waren es gleich drei fehlerfreie Ritte. Neben den beiden Routiniers Hermann Schridde, der das Derby vor zwei Jahren auf Dozent gewonnen und sich zweimal placiert hatte, und Kurt Jarasinski, der sich 1960 mit Raffaela in die Siegerliste eintrug, gelang auch als letztem Reiter dem jungen Hartwig Steenken auf Fairneß ein fehlerloser Ritt.

Der Zufall hatte bei der Auslosung der Startreihenfolge glückliche Regie geführt. Als fünf letzte Reiter starteten Jarasinski auf Torro, Hermann Schridde auf Dozent, der dreimalige Derby-Sieger Nelson Pessoa auf seinem dreizehnjährigen Schimmelhengst Gran Geste, Heinz von Opel auf Odette – im Vorjahr dritter – und eben Hartwig Steenken auf Fairneß, mit der er vor einem Jahr mit acht Fehlerpunkten achter geworden war.

Bis dahin hatte es so ausgesehen, als sollte die Serie der Null-Fehler-Sieger, die seit 1958 angehalten hatte, durch einen Sieger unterbrochen werden, der sich durch ein Verweigern an der Unglücksplanke nach dem Wall drei Strafpunkte eingehandelt hatte. Es war Alwin Schockemöhle auf Exakt, der nach der obligaten Rutschpartie des siebenjährigen Fuchswallachs nicht mit der Bewegung mitkam und wohl nicht ganz die letzten notwendigen Hilfen geben konnte. Im zweiten Anlauf, von der Seite schräg angeritten, klappte es dann. Mit diesem Ergebnis blieb er dann bis zum 36. der 41 Starter an der Spitze.

Solange, bis Thiedemanns Schüler Kurt Jarasinski auf dem 11jährigen, im Exterieur typischen Holsteiner Fuchswallach Torro aus dem Stall der Reit- und Fahrschule Elmshorn auf den Parcours ritt. Torro, springgewaltig und schwierig, machte seinem Ruf alle Ehre. Er klopfte hier an, wand sich dort gerade noch mit Haken und Ösen über die Stange, manches wackelte, aber nichts fiel. Das Publikum, das schon vorher bei heißen Favoriten, wie etwa Schockemöhle auf Athlet oder Winkler auf Seila, in ein verzweifeltes Stöhnen ausgebrochen war, wenn es wieder einmal nicht gepaßt hatte, jubelte völlig commentwidrig schon, als Jarasinski den Wall mit dem Unglückshindernis 7 dahinter fehlerfrei überwunden hatte. Hier waren immerhin 32 der 41 Reiter gescheitert. Als gar die zweite Klippe – Pulvermanns Grab, an dem jedes zweite Paar patzte – hinter ihm lag, wurde er von einem Beifall begleitet, der nach dem letzten Sprung zum minutenlangen Jubelsturm wurde. War damit doch ein deutscher Sieg wieder in greifbare Nähe gerückt, nachdem in den letzten fünf Jahren viermal Ausländer gewonnen hatten, davon allein dreimal der Brasilianer Nelson Pessoa?