Im Saal 117a sind harte Fragen selten

Von Nina Grunenberg

Man hält die Nachrichten in der Zeitung für so selbstverständlich wie frische Brötchen. Mehr oder weniger flüchtig nimmt man sie zur Kenntnis, und nur gelegentlich blitzt Verwunderung darüber auf, daß sie so einheitlich auf alle Zeitungen verteilt sind: Bundeskanzler Erhard ist nach London gefahren. – Der rumänische Außenminister Cioara besucht die Bundesrepublik. – Die Bundesregierung hat eine Stellungnahme zu den Treffen der Vertriebenenverbände abgegeben, in der es heißt, die Liebe zur Heimat könne niemandem genommen werden. Das stand in allen Zeitungen.

Unterschiedlich waren nur die Placierung, die Akzentuierung und die Bewertung der Berichte nach ihrer Wichtigkeit: In der einen Zeitung war es der „Aufmacher“ auf der ersten Seite, bei der anderen ein „Einspalter“ auf der unteren Hälfte der ersten Seite, die nächste Zeitung brachte den Artikel als „Dreispalter“ auf der zweiten Seite.

Diesen Berichten aus Bonn ist am allerwenigsten zu entnehmen, aus welcher Gemeinschaftsquelle sie denn nun geschöpft worden sind. Denn es wird wie von ungefähr der Anschein erweckt, jede Zeitung habe ihr ganz persönliches Erstgeburtsrecht an einer Bonner Nachricht. Die Hebamme bleibt im Hintergrund und wird höchstens einmal nebenbei erwähnt: „Wie der Sprecher der Regierung mitteilte ...“

Die komplizierten Mechanismen des politischen Betriebs, die den Zeitungsleser zuweilen staunen lassen, sind den in Bonn arbeitenden Journalisten viel zu selbstverständlich, als daß sie noch des Erwähnens wert wären. Die Zeitungsleute haben selber einen festen Platz in dem Getriebe, das ohne sie nicht liefe: Dreimal in der Woche, am Montag, Mittwoch und Freitag, geben sie der Bundesregierung ganz offiziell Gelegenheit, sich über ihre Wünsche, Pläne und Taten zu äußern. Sprachrohr der Regierung ist der Staatssekretär Dr. Karl Günter von Hase, sein Forum ist die „Bundes-Pressekonferenz“, ein eingetragener Verein mit Sitz in Bonn; dessen einziger Zweck ist, „Pressekonferenzen zu veranstalten und (den) Mitgliedern Möglichkeiten einer umfassenden Unterrichtung der Öffentlichkeit zu verschaffen ...“.

Es war Freitagvormittag, kurz nach elf Uhr: Das „Presseviertel“, innerhalb der Bannmeile des Bundeshauses, zwischen Dahlmann- und Görresstraße, im Schmuck von Maiengrün und leuchtenden Frühlingsblumen fast eine Vorortidylle, begann sich zu beleben. Journalisten stiegen aus den Kellern, kamen aus den Baracken und aus den festen Wohnungen, die die fürsorglicheren (wohlhabenderen) Verleger ihren Korrespondenten in der Dahlmannstraße gemietet haben: vorbei an der alten weißen Villa, in der das Bonner Büro der Deutschen Presse – Agentur (dpa) haust, dahinter Pressebaracke VI, ein paar Steinstufen hinab, über die Straße in das Bundeshaus ... – das Provisorium kennt keine Entfernungen, trauliches Nebeneinander kann im Katzensprung erreicht werden.

Die Konferenz fand wie immer, wenn kein außergewöhnliches Ereignis die Routine durchbricht, im Altbau statt, erstes Obergeschoß, Saal 117a – ein berühmter Saal im Bundeshaus; hier tagt der Verteidigungsausschuß. Verborgen hinter weißen leichten Gardinen stehen Panzerschränke an der Wand, in denen die geheimen Verteidigungsdokumente der Bundesrepublik liegen. Während der Pressekonferenz dienen die Schränke jenen Journalisten als Rückenstütze, die keinen Sessel mehr gefunden haben.

Sitzordnungen gäbe es nicht, wurde mir versichert. Dennoch scheint es so etwas wie stille Übereinkünfte zu geben, die man besser nicht bricht. Ich hatte mir schon den letzten Platz in der letzten Reihe hinten an der Wand gesucht, als ein Herr im Tone gereizter Freundlichkeit mich aufmerksam machte: „Entschuldigen Sie, das ist aber mein Stammplatz.“ Dann setzte er sich auf den Nebenstuhl und überließ mich dunklen Schuldgefühlen.

Auch ganz vorn, an den drei Tischen, die im rechten Winkel zum Vorstandstisch angeordnet sind, ließen sich Gruppierungen erkennen. Der rechte Tisch am Fenster schien den Korrespondenten der großen Zeitungen und der bekannten Namen vorbehalten zu sein: da sitzt Dr. Robert Strobel, Senior unter den Bonner Journalisten; von dorther wirft Georg Schröder von der „Welt“ strafende Blicke um sich, wenn jemand allzu naiv fragt. Da taucht auch, im jägergrünen Schlips, Walter Henkels auf, ein Bonner Chronist der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Nie würde er sich, so vertraute mir ein Kollege an, aus freien Stücken an diesen Tisch setzen.

Am mittleren Tisch haben sich die Korrespondenten der Nachrichtenagenturen niedergelassen, die zu zweien oder gar zu dreien in die Konferenz kommen. Besonders von den Mitarbeitern der dpa wird erwartet, daß sie vollständiger als alle anderen der Chronistenpflicht genügen und alles auswerten, was der Regierungssprecher mitteilt. Am Tisch an der linken Seite endlich sitzen in der Mehrzahl Vertreter ausländischer Zeitungen.

Auch der Vorstandstisch ist nun besetzt. Staatssekretär von Hase (in seinem Schlepptau der Referentenschwarm der Bundesbehörden) sitzt zur rechten Hand des Vorsitzenden: eines Journalisten aus dem siebenköpfigen Vorstand der Bundes-Pressekonferenz e. V., die als Gastgeber fungiert. Reihum, jeweils für eine Woche, leitet ein Vorstandsmitglied die Versammlung: „Meine Damen und Herren, ich eröffne die heutige Pressekonferenz.“

Auch am Vorstandstisch gibt es Sitzregeln: Rechts von Karl Günter von Hase sitzen gewöhnlich nur noch sein Stellvertreter Krüger, der Sprecher des Auswärtigen Amtes und der Pressereferent aus dem Verteidigungsministerium. An der linken Seite des Vorsitzenden die Pressereferenten der übrigen Ministerien, allen voran, mit der Miene eines „hellen Jungen“, der Referent aus dem Wirtschaftsministerium.

Staatssekretär von Hase begingt und verliest – stehend – eine Erklärung der Regierung zum Israel-Abkommen. „Langsam, Mann, langsam“, schimpft jemand vor sich hin, „das kann doch keiner verstehen.“ Es folgt eine Erklärung über das Verhältnis der Bundesrepublik zu den arabischen Staaten. Hase weist darauf hin, daß die Erklärung eine halbe Stunde nach der Pressekonferenz schriftlich zu haben sei, die Sekretärinnen im Bundeshaus arbeiteten daran: „Ich darf deshalb wohl etwas schneller lesen.“ Punkt drei: Stellungnahme der Bundesregierung zu den Vertriebenentreffen am Wochenende. Hase liest langsamer, weil es darüber nichts Schriftliches geben wird: „Die Liebe zur Heimat kann niemandem genommen werden ...“ Das Gekicher an den Tischen rührt Hase nicht.

Noch eine Stellungnahme, noch eine Erklärung. Danach fordert der Vorsitzende zu Fragen auf, jeweils getrennt zu den einzelnen Komplexen. Hände heben sich nur vereinzelt. „Herr Staatssekretär ...“, beginnen die einen, „Herr von Hase...“, reden die anderen den Regierungssprecher an. Viel Fragen scheint es nicht zu geben. Die einzige originelle bleibt rhetorisch; sie betrifft ein Gespräch zwischen Bundeskanzler Erhard und Franz Josef Strauß, das „im besten Einvernehmen“ stattgefunden haben soll. „Kann man“, so wird gefragt, „ein Gespräch im besten Einvernehmen führen, wenn man gegensätzliche Standpunkte einnimmt?“ Es wird gelacht. Man kann es, bestätigt der Staatssekretär. Die Bundespressekonferenz ist geschlossen. Sie dauerte kaum länger als eine halbe Stunde.

dpa liegt schon im Fach

Zehn Minuten später ging ich mit einem Kollegen zu dpa, um Nachrichten abzuholen: Gegen ein geringes Aufgeld wird den Zeitungskorrespondenten alles Material, das bei dpa über den Ticker läuft, in ein – mit dem Namen der Zeitung gekennzeichnetes – Fach gelegt. Alles was Bonner Politik betrifft, ist zusätzlich noch mit einem großen B versehen.

Die ersten Nachrichten aus der Bundes-Pressekonferenz lagen bereits vor: eine ideale Krücke für den Bonner Journalisten; wer will, kann auch danach arbeiten. Die Zentralredaktion seiner Zeitung, die das Material auch empfängt, wird ihn nie mit Neuigkeiten überraschen können. Lediglich die Sekretärin muß auf Trab sein und das Material zügig heranschaffen. Am nächsten Tage steht’s dann in der Zeitung.

Das sei zu wenig? Sicherlich, es ist nicht alles. Die Arbeit des Bonner Korrespondenten erschöpft sich nicht im regelmäßigen Besuch der Bundes-Pressekonferenz. Er kann sich nicht damit zufriedengeben, nur die gefilterten und gesäuberten, ganz offiziellen Nachrichten entgegenzunehmen, die kurz zuvor in der Kabinettssitzung abgesprochen wurden. Denn sicher ist, daß alles, was interessant ist, nicht in der Bundes-Pressekonferenz geschieht, auch wenn ebenso sicher bleibt, daß kein Bonner Korrespondent ohne diese segensreiche Einrichtung auskommen könnte.

Sie ist wichtig für das „Tagesgeschäft“, und von Geschäften wird unter den Bonner Journalisten viel gesprochen. Diejenigen unter ihnen, die von Bonn aus mehrere Zeitungen bedienen – auch „Konzernherren“ genannt oder auch von den Kollegen einfach und roh als „die mit dem Bauchladen“ tituliert –, haben nicht genügend Zeit, um selber langwierige Recherchen anzustellen. Sie müssen Nachrichten weitergeben: Für sie ist die Konferenz unerläßlich, besonders dann, wenn sie schon zu Ende ist – montags, mittwochs und freitags haben sie die Pressereferenten der Ministerien frei Haus beisammen, brauchen sie nur am Portepee zu fassen, in eine dunkle Ecke zu drücken und ihnen die Hand aufs Herz zu zwingen: „Nun sagen Sie mal, was wirklich dahintersteckt ...“

Um ein Bonmot zu holen

Das ist einer der Gründe, warum in der Konferenz so wenig gefragt und so manches scheinbar fromm entgegengenommen wird: Wer einer Geschichte auf der Spur ist, wird clever genug sein, die Kollegen nicht auch noch auf diese Spur zu setzen. Das „etwas mehr“ an Information, das seinen Bericht auszeichnen wird, ist schwer genug zu bekommen.

Pressekonferenzen sind Segen und Unsitte zugleich. Wer davon „viel mehr“ haben will, wird schlecht bedient: Er bekommt nichts gesagt, wenn nicht alle anderen auch etwas gesagt bekommen. Und am Ende sind Rundfunk und Fernsehen in der Verteilung der Nachrichten dennoch schneller als die Zeitung, die erst am nächsten Morgen kommt. Wer den Namen, die passende Zeitung und gut entwickelte Verbindungen hat, kurz: wer für „Kanal“-Arbeiten und pure Nachrichtenübermittlung einen zweiten oder gar dritten Mann im Büro sitzen hat, den braucht die Bundes-Pressekonferenz nicht viel zu kümmern. Er taucht nur manchmal auf, um auf dem laufenden zu bleiben oder auch um ein Bonmot zu erhaschen. Ansonsten zieht er seine eigenen Kreise, gräbt einsam und wird manchmal fündig: Niemand hat es gewußt, er hat es zuerst „gebracht“. Der Konkurrenz bleibt nichts übrig, als mehr neid- als liebevoll zu kommentieren: „Der versteht ja auch nichts von Politik...“

Rücksichtnahme ist auch ein Grund, der manche Journalisten davon abhält, weder in der Bundes-Pressekonferenz noch bei anderen Behörden die Regierung mit Fragen zu belästigen oder „heiße“ Geschichten kurzerhand zu veröffentlichen. Sie treten ihren Opfern am nächsten Tage wieder gegenüber, bei einer Party, bei einem Botschaftsempfang im Bundeshaus oder auf der Straße. Sicherlich sind sie auch wieder auf Informationen von innen angewiesen und möchten kein Risiko eingehen. Handfeste Kräche zwischen Journalisten und Ministerien gibt es äußerst selten. Mehr Gewinn verspricht sich der ständige Bonner Korrespondent von einem seriösen Shake-hands-Verhältnis mit Politikern und Ministerialen, für die er „die“ deutsche Presse ist, bis wirklich etwas passiert, sich vor seinen Augen ein großes Ereignis abzeichnet und zugleich die Ernüchterung einsetzt: Denn dann schickt die Zentrale ihre „Story“-Schreiber, die großen Herren aus Hamburg, Frankfurt oder München, für die er lediglich seine guten Verbindungen zu Regierungsstellen spielen lassen darf.

Eins Gruppe von Bonner Journalisten wiederum lacht ihren Opfern ohne Angst ins Gesicht und stellt nach allgemeiner Ansicht auch die härtesten Fragen in der Bundes-Pressekonferenz: die Fraktion der Wirtschaftsjournalisten. Nichts schein: fester zu verbinden als die gemeinsame Schule der Nationalökonomie. Ihr Corps d’esprit ist so ausgeprägt, daß manche schon von „Kungelei“ sprechen.

Denn die Wirtschaftskollegen helfen sich untereinander, wo sie können, besuchen sich fleißig – wenn es schnell gehen muß, steigt der FAZ-Kollege sogar beim „Welt“-Wirtschaftler durchs Fenster ein, um den Weg zur Haustür zu sparen – und stehen nicht an, sich bei wichtigen Gesprächspartnern in einer kleinen Crew gemeinsam anzumelden, in der nüchternen Überlegung, daß fünf Kollegen eher von einem Minister empfangen werden als ein einziger. So gehen sie noch heute zuweilen zu Bundeskanzler Erhard, „wenn wir die Idee haben, wir müßten mal wieder mit dem Bundeskanzler...“ Denn heute hat der Bundeskanzler kein ständiges Teekränzchen mehr wie noch zu seiner Zeit im Wirtschaftsministerium.

„Aus ökonomischen Zusammenhängen kann man mitunter politische Zuspitzungen erkennen, wenn die rein politischen Journalisten noch nicht aufmerksam geworden sind.“ So erklärte mir einer von ihnen, warum Wirtschaftskorrespondenten die Regierung mehr und härter fragen. In gewisser Weise haben sie es sehr viel einfacher: Alle Probleme können sie letztlich auf die Frage reduzieren: „Stimmt die Kasse, oder stimmt sie nicht?“ Darauf kann nur klar geantwortet werden oder überhaupt nicht.

Für harte Fragen sind sie aber auch des Danks von Karl Günter von Hase gewiß. Der Regierungssprecher hat gewöhnlich nur einen Spickzettel, der nach der Kabinettssitzung im Bundeskanzleramt abgestimmt wurde. Dem kann er nicht sehr viel mehr hinzufügen, wenn er verlesen ist. Auch die Sprecher der Ministerien haben oft keine Gelegenheit mehr, sich vor Beginn der Bundes-Pressekonferenz noch ausführlich von ihrem Minister informieren zu lassen. Die Stenogramme der Konferenz werden jedoch an sämtliche Ministerien verteilt. Fragen, auf die er die Antwort schuldig blieb, kann ein geschickter Regierungssprecher in seinem Apparat nutzen.

Ausnahme „Spiegel“-Affäre

Ein ungeschriebener Grundsatz der Bonner Journalisten heißt: Mitleiden mit dem Regierungssprecher, sobald er nicht antworten kann; denn man unterstellt, daß er gern antworten möchte. Noch niemals, so wird versichert, habe man ihn persönlich in eine Konfliktsituation gebracht. Ausnahmen bestätigen die Regel: In der „Spiegel“-Affäre wurde er bis zur Grenze der Unfairneß attackiert. Damals ging es den Journalisten nicht darum, eine Geschichte zu schreiben; sie gingen in die Bundes-Pressekonferenz mit der Überzeugung, mit ihren Fragen „die Interessenlage der Staatsbürger zu dokumentieren“. So die Worte eines Wirtschaftlers: „Für die Regierung war es an der Zeit, nicht mehr drumherum zu reden, sondern die Hosen ’runterzulassen.“

Sonnenuntergang am Rhein. Wir gingen an der Uferpromenade vor dem Bundeshaus spazieren, einer von jenen Alt-Journalisten, die seit den Zeiten des Parlamentarischen Rates in Bonn sitzen und von denen es heute noch knapp zwei Dutzend gibt, und ich. Er hatte gerade seinen letzten Kommentar in den Fernschreiber diktiert und philosophierte nun über den Verein der Bundes-Pressekonferenz. Auch er erinnerte sich „mit Bewegung“ an die Konferenz während der „Spiegel“-Affäre. Auch in der Zeit der Telephonabhör-Affäre war die Erregung unter den Journalisten groß, erzählt er. „Man kann nicht sagen, es würde nicht genügend gefragt“, meinte er, „du lieber Gott, das hängt ganz von der Laune der Journalisten ab, ob sie die Regierung ärgern wollen oder nicht, ob sie gelangweilt sind, ob es heiß ist oder die Luft schlecht. Jede Bundeskonferenz ist ein Lotteriespiel für den Regierungssprecher.“

Staatssekretär von Hase tritt vor dem Forum der Bundes-Pressekonferenz e. V. nur als Gast auf, eingeladen von den Journalisten. Noch niemals ist die Bundes-Pressekonferenz im Bundespresse- und Informationsamt abgehalten worden, obwohl dort ein bequemer Sitzungssaal zur Verfügung stünde. Ja, die eingesessenen Journalisten zählen von Hases Amtssitz nicht einmal mehr zum eigentlichen Bonner Presseviertel, obwohl er nur einen Steinwurf weit davon entfernt liegt. All das ist keineswegs Verschrobenheit, es dokumentiert lediglich die Vorsicht, mit der die ersten Bonner Journalisten anno 1948 an die Arbeit gingen. Nicht noch einmal, so schworen sie sich damals, sollte die Presse ein Werkzeug der Regierung sein.

Keiner von ihnen sollte jemals wieder von den offiziellen Konferenzen ausgeschlossen werden, nur weil er der Regierung nicht genehm war. „Und da haben wir uns etwas ganz Einmaliges ausgedacht“, erzählt Hans Viefhaus, der Leiter des Bonner dpa-Büros und seit 1963 Vorsitzender der Bundes-Pressekonferenz, „wir gründeten einen Verein mit dem einzigen Zweck, Pressekonferenzen abzuhalten.“ Zur Entlastung der Regierung und zur Arbeitserleichterung der Journalisten wurde eine mündliche Vereinbarung getroffen, nach der ein Regierungssprecher die Journalisten auf Einladung zu informieren hat. Damit hatten die Journalisten es selber in der Hand, sich ihre Informanten zu suchen.

Neben den Routinekonferenzen lädt der Verein auch den Bundeskanzler, die Ressortminister und die Parteivorsitzenden zum Frage-und-Antwort-Spiel ein. Vor den Wahlen sind diese Einladungen besonders begehrt. Als Gastgeber konnten die Journalisten auch den Tagungsort bestimmen; sie wählten den Bundestag als neutralen Ort. Sobald das neue Pressehochhaus steht, das jetzt gebaut wird, werden sie ihren eigenen Konferenzsaal haben.

Wie Hochzeits-Aufgebote

Die Bundes-Pressekonferenz sei ein ganz informeller Verein, wurde mir immer wieder versichert, ihre Organisation sei nur ein ganz lockeres Gespinst. Journalisten seien ohnehin schwer zu organisieren. Um so erstaunlicher dann, daß sich die zarten Ordnungsstrukturen bei näherem Zusehen als sehr hart und haltbar erweisen. Der Verein zählt heute rund 280 Mitglieder. Aufgenommen wird jeder, der den Nachweis erbringt, daß er hauptberuflich als Korrespondent einer Zeitung in Bonn arbeitet: „Die Tätigkeit muß in ständiger Berichterstattung über die Bundespolitik bestehen“, heißt es in der Satzung. Wer nicht alle diese Voraussetzungen des Vereins erfüllt, kann als Gast zugelassen werden – das heißt, er darf die Bundes-Pressekonferenz zwar besuchen, aber er darf keine Fragen stellen – oder überhaupt nicht. Aber das kommt selten vor.

Aufnahmebegehren werden vom Mitgliedsausschuß geprüft: Vorliegen muß ein Empfehlungsschreiben der Redaktion oder – falls der Journalist frei arbeitet – Proben seiner Arbeiten. Danach wird wie bei der Hochzeit das Aufgebot ausgehängt. Wenn binnen zehn Tagen kein Kollege Einspruch erhebt, ist die Aufnahme beschlossen. Eine der Voraussetzungen für die Mitgliedschaft in der Bundes-Pressekonferenz ist die deutsche Staatszugehörigkeit. Bis zum Bau der Mauer waren auch Journalisten aus der DDR Mitglieder, dann wurden sie nach einer Satzungsänderung ausgeschlossen. Hier zeigte sich der Journalistenverein härter als das Parlament: Dort sind die Korrespondenten von ADN, „Neues Deutschland“ und vom „Deutschlandfunk“ noch immer akkreditiert und zu den Bundestagssitzungen zugelassen.

Schwierigkeiten hatte auch der Bonner Korrespondent einer Illustrierten, als er um „volle“ Mitgliedschaft bat. Der Verein fand Illustrierte nicht ganz fein und argwöhnte, der Korrespondent wolle nicht nur politisch Bericht erstatten. Der Betroffene erwog schon eine Verwaltungsklage, denn: „Der einzige Vorteil des Vereins ist die Mitgliedschaft.“ Die Mitglieder sind mit Namen, Zeitung und Adresse in einem roten Büchlein verzeichnet, das alle Ministerien, Verwaltungsstellen, Parteien, Verbände und Botschaften besitzen. Wer im Verzeichnis steht, bekommt automatisch alles Material zugeschickt. Auch das Einladungssystem der Botschaften funktioniert nach dieser Ordnung. Wer nicht Mitglied ist, brauchte Monate, wenn nicht Jahre, um sich in Bonn einzuarbeiten.

Schwierigkeiten hatte aber auch das Fernsehen in der Bundes-Pressekonferenz. Seine Journalisten sind zwar zugelassen, aber nur mit dem Kugelschreiber, mit Kamera und Tonbandgerät nur nach besonderer Erlaubnis des Vorstandes und bei besonderen Gelegenheiten. Regelmäßig während der Konferenzen gefilmt zu werden, wie das Fernsehen beantragt hatte, lehnten die Journalisten in einer großen und heftigen Mitgliederversammlung ab. Sie fühlten sich durch die Kameras gestört, hieß es.

Was auch immer für Gründe bei diesem Entschluß mitgespielt haben mögen, es war auch eine kleine Revanche der schreibenden Journalisten gegen die Bevorzugung des Fernsehens bei offiziellen Gelegenheiten: Der Kamera wird immer der beste Platz eingeräumt, die Offiziellen liebäugeln mit den Millionen, die sie über die Mattscheibe erreichen können. Dagegen haben die Schreiber, die nur Zeitungsauflagen von 200 000, einer halben oder auch einer ganzen Million im Rücken haben, nichts zu setzen als ihren Charme. Und der fällt dann schwer.

Ein bißchen Oberlehrer

Einer der handfestesten Vorteile, die eine Mitgliedschaft in der Bundes-Pressekonferenz einbringt, liegt am Ende auch auf finanziellem Gebiet: Den Mitgliedern wird vom Finanzamt ein Steuerfreibetrag von 35 Prozent gewährt, maximal 800 Mark im Monat. „Normale“ Journalisten haben nur einen Freibetrag von 15 Prozent. Als Begründung werden die hohen Aufwendungen eines Bonner Journalisten genannt: Zu seinen Arbeitsutensilien gehört eine komplette Garderobe mit Smoking und ein oder zwei dunklen Partyanzügen.

Zur Pressekonferenz acht Tage später erscheint auch Staatssekretär von Hase im Gesellschaftsanzug. Statt einer schlichten dunkelblauen trägt er sogar eine silberne Krawatte: Nach der Konferenz nimmt er gleich an einem Essen zu Ehren des Ministerpräsidenten Krag im Bundeskanzleramt teil – Nachrichten, die an der Krawatte abzulesen sind.

Von Hase referiert über die letzte Kabinettssitzung. Und die Journalisten sind’s zufrieden. Sie mögen ihn und seine etwas oberlehrerhafte Art, mit der er einen Prager belehrt: „Ich glaube, ich habe den Standpunkt der Regierung zu diesem Punkt schon einmal erläutert und brauche nichts weiter zu erklären.“ Punkt. Der Frager ist zufrieden. Einer kommt noch einmal auf den Begriff der „Treue zur Heimat“ zurück. Er hat sich versprochen. „Liebe, Liebe, Liebe“, korrigieren ihn die Kollegen im Chor. Auf jeden Fall hieß es bisher in der offiziellen Sprachregelung: „Recht auf Heimat“. Hatte sich etwas geändert? „Sie verwechseln Treue mit Liebe“, kontert Staatssekretär von Hase. Die Frage geht im Gelächter unter. Am nächsten Tag steht es nicht in meiner Zeitung.