Von Kai Hermann

Hamburg, im Juni

Sie kamen, "den moralischen Pazifismus zu besiegen und einen kämpferischen Geist zu schaffen". Und als sie am Wochenende Deutschland wieder verließen, glaubten sie, das erste Land der Erde erobert zu haben.

Sing out ’66, eine Gruppe musizierender Amerikaner, beendete einen Triumphzug, der sie von den Alpen bis an die Elbe führte, über Nonnenklöster, Bundeswehrgarnisonen, Universitäten, Sporthallen an Stacheldraht und Mauer. Das optimistische Leuchten aus dreihundert amerikanischen Mädchen- und Jungenaugen schien wider in Zehntausenden deutscher Pupillen, ihre Beat-Plagiate werden auf Gossen und Boulevards gepfiffen, ihre rührend-eckigen Backfischbewegungen äfften, wo sie auftraten, Großmütter und Teenager auf Kommando nach. Deutschlands Presse umjubelte sie, Pfarrer, Generale, der Bundeskanzler und die Opposition.

Gammlern, Pazifisten, Koexistenzlern, Friedensaposteln, allen, die da äußerlich schmutzig oder innerlich unrein sind, haben sie den totalen Krieg angesagt. Und an Isar, Main, Elbe und Spree antwortete ihnen auf die Frage – Wollt ihr ein Sing out? – das jubelnde Ja aus deutschen Kehlen.

"Sing out" ist die "patriotische Schau" einer Organisation, die sich in Deutschland bislang vergeblich um Bedeutung mühte: der "Moralischen Aufrüstung". Die Bewegung warnt vor Abrüstungsexperimenten und spricht dem Bundeskanzler gelegentlich in ganzseitigen Zeitungsinseraten kämpferischen Mut zu. Ludwig Erhard bedankte sich, indem er die deutsche "Sing out"-Tournee aus Steuergeldern finanzieren ließ. Die Amerikaner revanchierten sich mit einem Ständchen für den Vater des Wirtschaftswunders, den "mächtigen Zauberer":

Als das Land in Trümmern lag –

nahm er seinen Zauberstab

und verwandelte mit einem Schlag – die Mark ...

Materiell ging’s ihnen gut,

doch die Hoffnung für die Zukunft entschwand.

So gingen sie aufs neue –

im alten deutschen Land,

irgendwo zwischen Bonn und Tegernsee,

zu dem mächtigen Zauberer –

wie man sonst keinen fand

an der Donau, am Rhein,

an der Spree ...

Der Kanzler sei errötet, als man ihm das mit-Gitarrenbegleitung zu Gehör gebracht hatte, wußte ein Berichterstatter zu schreiben. Wahr aber ist vielmehr, daß Professor Erhard die Peinlichkeit solcher "Reime" offenbar ebensowenig empfand wie Gewerkschaftschef Georg Leber oder der Jungsozialistenführer Dr. Günther Müller, die einem "Ehrenkomitee" vom "Sing out" beitraten.

Was sie alle an den Darbietungen der jungen Amerikaner faszinierte, bleibt schwer erklärbar. Vor allem wahrscheinlich, daß sie – so das "Hamburger Abendblatt" – "adrett gekleidet, sauber gewaschen und gut gekämmt" sind. Was sie darboten, kann man von manchem amerikanischen Collegechor besser hören. Nur – da war eben das gewisse saubere Etwas. Die Haut gesund-braun geschminkt, die weißen Zähne und Jacket-Kronen stets im optimistischen Lächeln entblößt. Männliches Haar schnurgerade gescheitelt, weibliche Locken zum biederen Bubikopf gesprayed. Dezente Uniformierung, ein bißchen bunt-adrett. Die Chorknaben und -mädchen dürfen zum Beat-Rhythmus die Hüften bewegen. Doch nicht kokett-erotisch, sondern unbeholfenschüchtern. Endlich wieder junge Damen, die nicht Teenager, sondern Backfische sind.

Sie domestizierten den Beat – und ihr Rhythmus riß die Großmütter zur Ekstase. Keine "spontane" Bewegung, die nicht von dreihundert Armen und Beinen in der gleichen Zehntelsekunde angeführt wurde: Blutiger Dilettantismus in letzter Perfektion. Ein Cocktail aus viel Hollywood, einem Schuß deutscher Gesangverein und einer guten Prise Komsomolzen-Kulturgruppe.

Mit echten Komsomolzen aus der Ukraine trafen sich die Amerikaner in Hamburg. Sie verstanden sich blendend miteinander in ihren auswendig gelernten Phrasen – eines Dolmetschers hätte es kaum bedurft. Nur die Frage, wer von beiden die Welt verändern wird, blieb ungeklärt. Die College-Studenten waren ihrer Sache sicher und sangen: "Wir bestimmen den Lauf der Geschichte."

Sie haben eine Botschaft – wie der Korrespondent der "Welt" aus Washington kabelte – "die Botschaft, daß es neben dem von der Koexistenz hypnotisierten Amerika, das für den Frieden fast. jeden Preis zahlen würde, ein jüngeres Amerika gibt, dem die Freiheit einen noch höheren Preis wert ist". Sie wollen nach Vietnam gehen und den GI’s den Sinn ihres Tötens und Sterbens einsingen.

Zwei ihrer Mitstreiter entstellen sie auf der Bühne zu Beatniks, denen die Liebe zu Willi mehr ist als Krieg um die Freiheit. Die Ungewaschenen quengeln: "Ich will nur meinen Willi jede Nacht – Was kümmert mich Freiheit?" Der Chor befiehlt: "Raus aus dem Bett" und schleudert ihnen ihre Hymne entgegen – "eine Art Hymne der westlichen Welt" (Welt am Sonntag): "Freiheit ist nicht umsonst." Und überall fielen die Zehntausende begeistert mit ein: "Im alten Rom tat man, was beliebt – ohne Hemmung, so wie sich’s gibt. – Mit Geld und Glück sie so beschäftigt waren, sie merkten nicht das Kommen der Barbaren."

Tatsächlich ist die Freiheit ebensowenig umsonst wie die "Sing outs". Vom Bundeskanzler enielten sie "erhebliche finanzielle Leistungen". De Eintrittspreise in den ausverkauften Hallen waren einer besseren Unterhaltungsrevue angemessen. Das deutsche Volk wurde zu einer Spendenaktion aufgerufen. Die amerikanische Firma Schick – "ein neues Rasiersystem für Männer" – die in den USA als Pate rechtsradikal-antikommunistischer Gruppen und Aktionen auftritt, trug ihr Scherflein bei. Und dennoch: Die Tournee wurde nur möglich, weil die Sänger die teuersten ihrer materiellen Güter hergaben: Ein Pony die eine, den Gebrauchtwagen mehrere, andere ihre Stipendien. Das jedenfalls erzählen die Veranstalter. Im übrigen sind sie nicht bereit, über Geldangelegenheiten zu sprechen. Materielle Dinge sind tabu – ebenso wie voreheliche sexuelle Beziehungen.

Diese Minorität der unberührten amerikanischen Campus-Bewohner kämpft "mit geradezu wilder Inbrunst" ("Bild am Sonntag") "gegen das Zerrbild einer verweichlichten, arroganten amerikanischen Jugend". Zwölf neugegründete "Sing-out"-Gruppen in der Bundesrepublik sollen die Schlacht auf deutschem Boden schlagen. Als die deutschen Mitstreiter freilich bei ihren ersten Zusammenkünften vom keuschen Leben und dem großen Krieg in Vietnam hörten, zeigten sich viele einigermaßen verblüfft. In Hamburg jedenfalls sangen die Neugeworbenen ungeniert jene Protest-Songs, gegen die die Amerikaner protestieren. Da zeigte es sich, daß ein gut Teil der Faszination, die "Sing out" auf deutsche Jugendliche ausübte, auf einigen Mißverständnissen beruhte.

Die Stätten der größten Triumphe für die moralischen Aufrüster werden nun Schauplatz der ersten Beatle-Tournee in Deutschland sein. Publizistisch betreut werden die Pilzköpfe vom selben Zeitungskonzern wie die adretten jungen Leute aus den USA. Die den moralischen Mief hereinließen, sorgen auch dafür, daß er sehr schnell wieder verfliegen wird.