Die Geschichte eines Staatssekretärs aus Hitlers Diensten

Von Thilo v. Uslar

München

Oktober 1962. In der oberbayerischen Sommerfrische Brannenburg, am Fuße des Wendelsteins, tritt die Bundesversammlung der „Seliger Gemeinde zusammen, die sudetendeutschen Sozialdemokraten, mit den Bundestagsabgeordneten Wenzel Jaksch und Ernst Paul an der Spitze. Alte Freunde treffen sich wieder nach Jahren der Emigration, übriggebliebene Antifaschisten aus der „Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der tschechoslowakischen Republik“, der einzigen Partei, die sich im März 1938 nicht eingliedern ließ in Henleins „Sudetendeutsche Partei“, Männer, die sich damals geschworen hatten, „als letztes deutsches Fähnlein der Demokratie auszuharren, ... um für die Zukunft unserem Volke gegenüber die Legitimation zu haben, daß es Männer gegeben hat, die gegen den Wahnsinn der Hitlerei unter Einsatz ihres Lebens gekämpft haben.“

Unter den Gästen ist Rudolf Zischka, früher Abgeordneter für Nordmähren im Prager Parlament. Zischka, der erst vor kurzem aus vierundzwanzigjährigem Exil zurückkehrte, ist zum erstenmal wieder im Kreis der alten Gesinnungsfreunde. Erinnerungen werden ausgetauscht, Mitteilungen über Verstorbene, Ermordete. Von Tischnachbarn erfährt Zischka, daß Ludwig Czech, Nachfolger Seligers als 1. Vorsitzender der deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei, im KZ Theresienstadt verhungert ist, daß Emil Strauß, Chefredakteur des Prager „Sozialdemokrat“, Jude wie Czech, in die Hände der Gestapo geraten war und im KZ – wahrscheinlich Buchenwald – umkam.

Unterdessen begrüßt auf dem Podium Ernst Paul die Ehrengäste. Dabei fällt ein Name, der Zischka aufhorchen läßt: Franz Karmasin. Er erkundigt sich, ob das ein Verwandter von „unserem Karmasin“ ist, dem Henlein-Stellvertreter, Führer der „Karpatendeutschen Partei“, dem „Staatssekretär für die Angelegenheiten der deutschen Volksgruppe beim Präsidium der Slowakischen Autonomen Regierung“, dem SA-Ehrengruppenführer und Volksgruppenleiter, der die NS-Amtswalter in der Slowakei „bei Gott und meiner Ehre“ den Eid auf sich und den Führer schwören ließ. Zischka erfährt, daß jener Ehrengast kein Verwandter von „unserem Karmasin“ ist, sondern „unser Karmasin“ selber. Der Emigrant Zischka hat damals die Versammlung von Brannenburg fluchtartig verlassen, ohne sich von Jaksch und Paul zu verabschieden, mit denen er im August 1920 auf der Parteischule in Leimeritz die Bank gedrückt hatte.

Mit Eichmann verhandelt

Franz Karmasin widmet der „Große Brockhaus“ sieben Zeilen. Danach „wirkte“ er „1926 bis 1935 im Deutschen Kulturverband in der Slowakei. Als Führer der Karpatendeutschen Partei war er seit 1935 Abgeordneter im Prager Parlament. 1938 wurde er Staatssekretär für die deutsche Volksgruppe in der Slowakei“. Mit dieser Biographie aber ist nicht jeder Brockhaus-Leser zufrieden. Die Pressestelle des Landgerichts München I teilt auf Anfrage mit, daß sich die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen gegen Karmasin befaßt.

Laut Anklagebehörde hat Karmasin mit Göring und Eichmann über die „Unschädlichmachung der Juden“ verhandelt, über die „Endlösung“ im Gebiet der Slowakei, zusammen mit zwei slowakischen Ministern. Ob dieser Tatbestand zur Anklageerhebung ausreichen wird, ist noch nicht bekannt.

Dennoch kann man davon ausgehen, daß Karmasin vor den prominenten Judenverfolgern aus dem Reich Klagen vorbrachte, die er ancerswo öffentlich verbreitete. Im Dezember 1939 sagte er in einer Rede in Kremnitz: „Unsere Dörfer müssen gereinigt werden von den Kreaturen, die in erster Linie die Träger deutschfeindlicher Propaganda und der Hetze gegen alles Deutsche sind. Ich spreche von den Juden. Wir dürfen nicht warten, bis die Judenfrage vom Staat gelöst wird, sondern wir müssen sie bei uns selber lösen.“ Daß Karmasin bereit war, sich nicht mit Theorien aufzuhalten, verriet er spätestens im Dezember 1942: „Wer sich außerhalb unserer Volksgemeinschaft in diesen Zeiten stellen will, muß im Interesse der Gemeinschaft seiner Strafe zugeführt werden ... Wir werden auch vor dem völkischen Todesurteil nicht zurückschrecken!“

Ein „wüster Antisemit“

Schon im März 1942 war Eichmann in Preßburg erschienen und hatte befohlen, das dortige Auswandererdezernat der jüdischen Zentrale, das sogenannte „Palästina-Amt“, zu schließen. Ende März begannen dann die Deportationen von 60 000 slowakischen Juden. Im Eichmann-Prozeß sagte der Zeuge Dr. Ernest Abeles im Mai 1961 aus, Karmasin sei ein „wüster Antisemit“ gewesen. Als Verantwortlicher für die „Arisierung“ der Wirtschaft in der Slowakei habe er den Volksdeutschen „manchen fetten Brocken zukommen lassen. Karmasin habe den Referenten Eichmanns in Preßburg, Wisliceny, gedrängt, die Judendeportationen zu beschleunigen.

In der alliierten Dokumentensammlung „Senat 40 Office of RM, Persons, Foreigners“ findet sich unter der Ziffer 28 052 folgender Passus: „Aufzeichnung Likus über Unterredung mit Karmasin, Wien, 18. November 1939, zur Berichterstattung direkt an Reichsaußenministerium: Als besondere Beschwerde führte Karmasin die Nichtdurchführung der angekündigten Judengesetze an. Es sei deshalb angebracht, von maßgebender deutscher Seite in geeigneter Form auf Regierung in positivem Sinne einzuwirken, weil sonst leicht neue Mißstimmung gegen das Reich aufkommen könne.“

Ob die Münchener Staatsanwaltschaft mehr über Karmasin weiß, ist noch offen. Karmasin selber fühlt sich nicht betroffen. Dem „Spiegel“ erklärte er: „Was wollen Sie, ich war nicht einmal in der NSDAP.“ Das stimmt – denn in der NSDAP konnte Karmasin genausowenig gewesen sein, wie die anderen führenden sudetendeutschen Nazis. Doch in der NSDAP-Zeitschrift „Nation und Staat“ vom November 1942 heißt es: „Die Deutsche Partei unter der Führung von Franz Karmasin ist die politisch maßgebende und verantwortliche Institution des Deutschtums in der Slowakei. Die Deutsche Partei verkörpert in ihrem Wesen, ihrer Grundeinstellung und ihrem Wirken die nationalsozialistische deutsche Weltanschauung.“ Diese Verpflichtung muß Karmasin gespürt haber, als er noch im März 1945 ein Häuflein Getreuer um sich sammelte, um ihnen eine Rede zu halten: „Wir sind auf dem urdeutschen Boden angetreten, um das Bekenntnis unserer Treue und Einsatzbereitschaft abzulegen. In dieser Überzeugung schwören wir unserem Führer die Treue.“

Nach 1945 freilich konnte Karmasin mit diesem Treueschwur nichts anfangen. Unter dem Namen Paul Dibak verbarg er sich bis 1952 in Österreich, dann in Bayern. Als sich die alten Nationalsozialisten aus dem „Sudetengau“ wieder im Bayerischen versammelt und einen Bund gegründet hatten, dessen Mitglieder zielstrebig darangingen, die Schlüsselpositionen der Sudetendeutschen Landsmannschaften zu besetzen, fand auch Franz Karmasin wieder einen Posten und einen politischen dazu. Er wurde Geschäftsführer des „Witiko-Bundes“ (der Name soll an Stifters Romanfigur erinnern, der nach Jahren des Exils von Passau aus in seine Prager Heimat zurückkehrte).

Aus einer Mitgliederliste des „Witiko-Bundes“ geht hervor, daß von 634 Mitgliedern (1958) über 600 sudetendeutsche NS-Funktionäre waren. Mit den Worten des „Witiko-Briefes“: „Die Kameraden, die den Witiko-Bund bilden, waren zum Großteil in den entscheidenden Jahren der Heimat in der vordersten Linie politischen Tuns gestanden.“ Schon Ende 1947 faßten die alten Kämpfer in Waldkraiburg an der tschechischen Grenze den Entschluß, „die Menschen, die im Sudetenland zusammengearbeitet hatten, wieder zu sammeln und zusammenzufassen“.

Zuerst mußten die Mitglieder beruflich untergebracht werden. Witiko-Mitglied Walter Stain, damals Hitlerjugendführer, wurde über den BHE bayerischer Arbeitsminister und konnte gleich vier der Kameraden versorgen: den ehemaligen Stellvertreter Henleins, Dr. Köllner, den damaligen NSDAP-Hauptstellenleiter und SS-Hauptsturmführer Dr. Hergl, der in einer Denkschrift an Hitler den Vorschlag gemacht hatte, das Volkstumsproblem zu lösen, indem man alle Tschechen ausrotte, und die Witiko-Mitglieder Friller und Kollarczik. Ein weiterer Kamerad konnte im Kultusministerium untergebracht werden. Dr. Walter Becher, langjähriger Witiko-Vorsitzender, ehemals Kulturredakteur der nationalsozialistischen „Zeit“ in Prag und Reichenberg, wo er die Vernichtung der Juden gefordert hatte, kam über die GDP als CSU-Hospitant in den Bundestag. Er wurde Geschäftsführer des Sudetendeutschen Rates.

Mit der Waffe in der Hand ...

Nach und nach gelang es dem Bund, seinen politischen Einfluß zu vergrößern. Seine Mitglieder sitzen heute in Parlamenten und Ministerien. Von den 13 Mitgliedern des Bundesvorstandes der sudetendeutschen Landsmannschaft sind zehn Witiko-Leute. Vorsitzender ist Dr. Franz Böhm, einst persönlicher Referent Henleins, parteiamtlicher NSDAP-Gaurichter und Beisitzer des Standgerichts in Reichenberg. Ein Vorstandsmitglied, Dr. Franz Ohmann, war bis zum März dieses Jahres Amtsrichter in Hessen. Dann wurde er amtsenthoben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Gestapo-Mitarbeiter vor, in Prag die Personalbogen von inhaftierten Juden und Antifaschisten mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ versehen zu haben.

Während sich Staatsanwaltschaften und Gerichte mit sudetendeutschen Vertriebenenfunktionären befassen (der überführte Schreibtischmörder Krumey war Kreisobmann der sudetendeutschen Landsmannschaft), beschäftigt sich der Witiko-Bund mit der Zukunft der alten Heimat: „In diesem Augenblick stehen auch wir vor der endgültigen Lösung unserer Sudetenfrage. Wir werden dann die Heimat gewinnen oder für immer verlieren. Gewinnen werden wir nur, wenn wir das Kommende zeitig genug erfassen, wenn wir eine einsatzbereite junge Generation aktiviert haben, die bereit ist, sich persönlich dafür einzusetzen, auch mit der Waffe in der Hand ...“ (Veröffentlichung der „Sudetendeutschen Aktion“).

Von den Sozialdemokraten ist kein Widerspruch zu erwarten. Zwar hatte Wenzel Jaksch 1942 in London erklärt: „Wir werden (nach dem Kriege) nicht versäumen, uns mit den Henleinverbrechern so gründlich zu befassen, als es der heilige Zorn unserer Überlebenden gebietet.“ Aber der heilige Zorn legte sich mit der Zeit. 1965 steckte Ernst Paul die Grenzen ab, in denen die sozialdemokratische Seliger-Gemeinde mit Landsmannschaft und Witiko-Bund zusammenarbeiten will: „Die sehr ehrenwerte Gesinnungsfestigkeit unserer ‚Antifa-Gruppen‘ droht uns von der großen Masse der Sudetendeutschen zu isolieren und gefährdet jenes große politische Erziehungswerk, das wir in der Heimat durchgeführt hätten.“ Jaksch schickte dem Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft, Dr. Illing, zu dessen 60. Geburtstag ein herzliches Glückwunschtelegramm, so, als wäre dieser niemals SS-Führer und NSDAP-Gauamtsleiter gewesen. Und über Franz Karmasin hieß es in der „Brücke“, dem Organ der Seliger-Gemeinde: „Karmasin möge wissen, daß gerade jene Sudetendeutschen, die das Hitlerregime von Anfang an bekämpft haben, ihn als einen hochanständigen und rechtschaffenen Mann kennen und schätzen gelernt haben.“