Karlsruhe im Juni

Sonst wird in Karlsruhe die Verfassung geschützt, vom dafür zuständigen Bundesverfassungsgerichtshof, dem ranghöchsten Gremium der Dritten Gewalt im Staate. Am vergangenen Wochenende freilich wurde in Karlsruhe jener Verfassung gehörig am Zeug geflickt, von der dazu angetretenen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, der nunmehr viertgrößten Partei in der Bundesrepublik. Nur zwei Kilometer vom Haus der „roten Roben“ entfernt hielt sie in der Schwarzwaldhalle ihren 2. Bundesparteitag ab. Karlsruhes Werbespruch lautet: „Die Stadt der vielen Möglichkeiten.“

Der Möglichkeiten gab es auch an diesem Wochenende viele: Am 17. Juni hing in der Halle die Fahne mit dem Berliner Bären. Die Badische Staatskapelle intonierte den 4. Satz aus Johannes Brahms’ 1. Symphonie, Intendant Werner Wedekind rezitierte Gedichte von Ingeborg Bachmann, die Städtische Sängergruppe trug den Chor „Freiheit, die ich meine“ vor. Dann sprach des Kanzlers Berlin-Beauftragter, Ernst Lemmer. Es war der „Tag der deutschen Einheit“.

Über Karlsruhe brütete die Sonne. Im Speicher des Schlosses kletterte das Thermometer auf 45 Grad. Automatisch trat der Feuermelder in Aktion. Die Löschzüge brausten heran. Blinder Alarm: Der Thermostat war noch auf winterliche Temperatur eingestellt gewesen.

Und auch das trug sich an jenem 17. Juni in Karlsruhe und in der Hitze des Feiertages zu: Fast 18 000 Mitglieder des baden-württembergischen Gewerkschaftsbundes waren mit Sonderzügen und Omnibussen in die Hochburg des Rechtes geschafft worden. Mit zornigen Reden und trutzigen Transparenten demonstrierten sie auf dem Festplatz zwischen Schwarzwaldhalle und Staatstheater gegen die neuen „Braunen“. Einer rief: „Brandstifter, die um unser Haus laufen, wollen wir beizeiten Brandstifter nennen.“ Ein zweiter verlangte: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mit der Verharmlosung der rechtsradikalen Strömungen Schluß zu machen.“ Auf den Spruchbändern stand: „Wir fordern Verbot der NPD“ – „Soll alles vergessen sein?“ – „Nazis raus, denkt an 1933.“ Und Sprechchöre zogen durch die fast menschenleeren Straßen: „Hitler und Thadden sind dieselben Ratten.“ – „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – NPD sofort verbieten.“

Zum Verdruß des Oberbürgermeisters Günther Klotz, des Polizeipräsidenten Wide und mancher SPD-Abgeordneter kam es indessen auch zu ärgerlichen Zwischenfällen. Klotz speiste mit Lemmer zu Mittag im „Parkhotel“, als erhitzte Demonstranten und aufgebrachte Nationaldemokraten in Schlägerei gerieten. Klotz versuchte vergebens zu schlichten. Der andere Vorfall: Heidelberger Studenten, in der „Gewerkschaftlichen Arbeitsgemeinschaft“ organisiert, hatten auf ihre Transparente geschrieben: „NPD – wir haben schon Erhard“ – „NPD und CDU – eine formierte Gesellschaft“ – „NPD – Alibi der CDU“. Die Aufforderung eines SPD-Sprechers, diese Spruchbänder einzurollen, quittierten ihre Träger mit Johlen und Pfeifen. Der 17. Juni 1966 – ein Tag der „vielen Möglichkeiten“.

Den Nationaldemokraten wurde in Karlsruhe auch auf andere Weise auf die Sprünge geholfen, wenn auch ohne Absicht. Erst hatte ihnen der Stadtrat die Schwarzwaldhalle zugesagt (Miete 6000 Mark), dann hatte er seine Genehmigung wieder zurückgenommen. Ein Gerichtsbeschluß gab schließlich der NPD recht. Doch nicht genug solcher Peinlichkeiten. Bekannt wurde auch, daß das Parkhotel, hinter dem die Bank für Gemeinwirtschaft stehen soll, 25 Vorstandsmitglieder der NPD kurzerhand wieder ausquartierte; daß sich die Hallenleitung weigerte, für ein „geselliges Zusammensein“ der Parteitagsdelegierten Tische aufzustellen. Karlsruhe erfand „viele Möglichkeiten“, die Nationaldemokraten populär zu machen, kleinliche und billige Möglichkeiten. Ironisch und nicht ohne Grund bemerkte einer ihrer Führer, Adolf von Thadden: „Ich werde Herrn Klotz und den Freunden von der Gewerkschaft Danktelegramme schicken. Sie haben unseren Public-Relations-Etat wesentlich entlastet.“