G. Z., Frankfurt/Main

Als vor einigen Wochen der Herausgeber und Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Karl Gerold, den Bundesverteidigungsminister und das Parlament wegen der ungewöhnlich hohen Absturz-Quote des „Starfighter F 104 G“ heftig attackierte, erschienen in seiner Zeitung Leserbriefe mit der Forderung, das „Reichsbanner“ wieder ins Leben zu rufen, um mit ihm entschlossen der Gefährdung unserer Demokratie entgegenzutreten. In diesen Tagen wurde gemeldet, die früheren Mitglieder des „Reichsbanner“ seien für Samstag, den 9, Juli, 16 Uhr, in das Bürgergemeinschaftshaus Gallus, Frankenallee III, eingeladen, um den Verband neu zu gründen. Angehörige des „Reichsbanner“, deren Adresse noch nicht bekannt sei, wurden gebeten, sich bei dem ehemaligen Sekretär Christian Weiß, Frankfurt, Im Uhrig 39, Telephon 51 18 25, zu melden.

Indessen: Die Leserbriefe zum „Starfighter-Angriff und die Meldung über das „Reichsbanner“ stehen in keinem Zusammenhang. Der ehemalige und letzte Sekretär der Organisation in Frankfurt, Christian Weiß, betont mit Nachdruck: „Es ist gar nicht daran zu denken, den alten Verband in der Form, wie er bis zum Jahre 1933 bestand, Wiederaufleben zu lassen. Es geht vielmehr darum, Wiedergutmachungsansprüche durchzusetzen.“

Schon 1945 waren im Bereich der westlichen Besatzungszonen Bestrebungen im Gange, die Kampforganisation, die der Sozialdemokratie nahestand, zu neuem Leben zu erwecken. Die Besatzungsmächte jedoch konnten diesem Vorhaben nichts abgewinnen. Sie sahen im „Reichsbanner“ vor allem den halbmilitärischen Charakter. Auch die SPD und die anderen Parteien waren wenig daran interessiert.

Die Veteranen ließen sich dennoch nicht entmutigen. Sie kamen zusammen, um gemeinsame Erinnerungen zu pflegen, vor allem, wenn die Todestage ihrer von den Machthabern des Dritten Reiches ermordeten Kameraden sich jährten. Es gab auch andere Anlässe: Der 40. Todestag des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Im März 1965 übertraf ein Treffen alter „Reichsbanner-Mitglieder im Gemeinschaftshaus Riederwald alle Erwartungen. In seiner Blütezeit zählte der Verband allein in Frankfurt etwa 3500 uniformierte Mitglieder. Über drei Jahrzehnte später meldeten sich noch 290 ehemalige Angehörige des Kampfbundes, um der stürmischen Zeiten vor 1933 zu gedenken.

Inzwischen hatten auch die Parteien ihre Zurückhaltung aufgegeben. Zur Wiedersehensfeier im Riederwald überbrachte der SPD-Unterbezirksvorsitzende Stadtrat Walter Möller (beim Dortmunder Parteitag einer der Wortführer der „südhessischen Rebellen“) die Grüße seiner Partei. Der Vertreter des CDU-Stadtkreisverbandes, Dr. Hans Loskant, bekannte sich in seiner Begrüßungsansprache als ehemaliges Mitglied des „Reichsbanner“. Dort, so sagte er, sei das beste Beispiel dafür gegeben worden, daß sich der Bürger engagieren müsse, wenn sein freiheitlicher Staat erhalten bleiben solle. Und schließlich stellte sich heraus, daß auch Frankfurts Oberbürgermeister, Professor, Dr. Willi Brundert, der in einer fast einstündigen Rede der Geschichte des „Reichsbanner“ nachspürte, der Kampforganisation angehört hat.

Bei dieser Versammlung einigte man sich, in Zukunft auch Wiedergutmachungsansprüche zu verfolgen. Das war zwar vorher auch schon geschehen. Aber die zuständigen Behörden verwiesen auf das Bundesentschädigungsgesetz, das das Bestehen einer Organisation vorausetzt, um Wiedergutmachungansprüche geltend zu machen. Darum wollen die „Reichsbanner“-Veteranen ihren Verband neu gründen.

Es soll auch die Rechtsunsicherheit beseitigt werden, ob die Organisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ juristisch noch besteht oder nicht. Gutachten von Rechtsanwälten behaupten, der Verband bestehe rechtlich noch, da er sich nicht selber aufgelöst habe; andere gehen davon aus, daß die Organisation während des Dritten Reiches verboten und aufgelöst worden sei. Bei den Wiedergutmachungsansprüchen des „Reichsbanner“ handelt es sich nicht um Millionenbeträge. Der Verband besaß kein großes Vermögen wie die Gewerkschaften. Auf den Listen, die den Besitzstand des „Reichsbanner“ beschreiben, stehen Büroeinrichtungen, Uniformbestände, Instrumente der Musikkapellen und Spielmannszüge, Ausrüstungen der Nachrichten- und Sanitätstrupps, Kutter der Marineabteilung und Zelte. Für seinen ehemaligen Ortsverein sagt Christian Weiß: „Eine Pauschalabfindung dürfte bestimmt keinen sechsstelligen Betrag ergeben.“