Der Wunsch vieler „Mitläufer“

Von Fabian von Schlabrendorff

Fritz Bauer: Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns, Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt, 77 Seiten, 7,80 DM.

Die Europäische Verlags-Anstalt veröffentlicht einen Vortrag, den der Frankfurter Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer im Jahre 1962 gehalten hat. Niemand, der den Verfasser kennt, wird an seinen Ausführungen vorbeigehen können, Weil Fritz Bauer wie immer seine volle Überzeugung mit Scharfsinn ausgesprochen hat.

Bauer beginnt mit einem guten Ansatz, indem er die „Nashörner“ von Ionesco anführt und darlegt, wie der einzelne sich in eine absurde Massensituation und -bewegung hineinbegibt oder einfach von diesem Strom fortgerissen wird, der ihm ein besseres Menschsein verspricht, aber alles überschwemmt. Die Leute, die sich selbst treu bleiben, können nur noch im stillen Kämmerlein existieren.

Eine Art von Geist

Bauer leugnet aber, daß der Nationalsozialismus geistig-theoretische Grundlagen habe. Hier hat Bauer recht. Hitler und seine Partei besaßen wenige bedeutende intellektuelle Vorfahren. Aber eine geistige, wenngleich nicht unbedingt verstandesmäßige Bewegung war der Nationalsozialismus dennoch. Ihm ist sogar ein religiöses Element zuzusprechen, weil er dem Menschen einen neuen Blickwinkel und einen neuen Lebenssinn zu geben versuchte. Der Nationalsozialismus bemühte sich, das Christentum abzulösen. Für den Außenstehenden hätte das an der Vergottung des Begriffs der Nation sichtbar werden können; in seinem Namen war man bereit, jedes Unrecht zu tun, sofern es der Nation oder der völkischen Rasse nutzte.

Der Nationalsozialismus glaubte an die Macht, eine inhalts- und formlose Vorsehung und an ein primitives Selektions- und Führerprinzip. Ziel des persönlichen Lebens war es, nun ein rauschhaften, brutaler, revolutionärer, alle Tradition im Grunde ablehnender Herrenmensch zu werden. Der Nationalsozialismus bekämpfte die alten Wertvorstellungen nicht offen, sondern versuchte, sich ihrer zu bedienen und sie von innen auszuhöhlen. Aber auch der bewußte, radikale Ungeist ist eine Art von Geist, wenn auch ein böser.

Dies wird von Bauer einfach beiseite geschoben. Es genügt nicht, im Nationalsozialismus eine zerstörerische Konzentration von schlimmster Romantik zu sehen, weil er Aufklärung und Verstand abgelehnt habe. Der geistige Hintergrund des Nationalsozialismus wäre, obwohl er selten klar dargestellt wurde, für einen Menschen mit einem offenen Auge und etwas geistiger Selbstbehauptung zumindestens an den Taten der Nazis erfühlbar gewesen.

Bauer scheint auch außer acht zu lassen, daß es das Dritte Reich ohne die dämonische Person Hitlers wohl kaum gegeben hätte oder doch in einer anderen Gestalt. Wesentlich ist aber vor allem die Frage nach der Empfänglichkeit breiter Massen für den Nationalozialismus.

Der Zusammenbruch von 1919 und die Weimarer Zeit erklären zwar den Nationalsozialismus nicht, aber sie bilden eine Voraussetzung für ihn, ein Ferment, das den Abwicklungsprozeß in Gang setzt. Bauer sieht nicht, welch ein Schlag der verlorene Krieg und welche geistige Erschütterung der Krieg überhaupt in Deutschland war. Die Menschen waren aus ihrer Sicherheit geworfen. Sie waren aus ihrem sozialen Gefüge gerissen, verkörperten nur noch einen auswechselbaren Teil im modernen Betrieb, die Unruhe und Daseinsangst des Industrialismus drängten sich ihnen auf.

Bauer verkennt, daß der Nationalsozialismus und auch der Faschismus ein bis dahin noch nie dagewesenes Phänomen waren. Es bestehen nur gewisse Ähnlichkeiten, zum Beipiel zu Cola di Rienzi oder Arnold von Brescia, doch sind das keine echten Parallelen. Aus falschen Analogien ergibt sich der Hauptfehler dieser Broschüre: die Annahme nämlich, daß es nur um die Alternative: Faschismus und autoritatives Denken oder Demokratie und freiheitliches Denken gehe. Bauer projiziert diesen Gegensatz sozusagen in die ganze abendländische Geschichte hinein.

Es ist viel Schwarzweißmalerei in Bauers Ausführungen: So meint er, Deutschland halte sich den liberalen Ideen verschlossen, in Deutschland habe es nur knechtische Gefolgschaft gegeben. Es ist aber gewagt, gerade Luther nachzusagen, er sei in den Sog des Autoritären geraten. Die lutherischen Landeskirchen sind aus anderen Gründen entstanden. Auch der Begriff Obrigkeit ist unanfechtbar, da nicht jede Gewalt Obrigkeit sein muß. Gewiß, der Religionsfriede von 1555 hatte viele ungünstige Folgen, aber man kann ihn höchstens als einen von vielen Gründen für die Widerstandslosigkeit der Kirchen nach 1933 anführen, sicher nicht als Grund für nationalsozialistische Handlungen. Und wenn wir jeden, der aktiven Widerstand verneint, als Nazi oder als potentiellen Erzieher zum Nazi einstufen, wie Bauer es mit Kant macht, so wäre Sokrates anrüchig, und bei Jesus Christus würde es unter Umständen peinlich.

Wieder und wieder verwechselt Bauer die Nazis, deren Zahl ja in die Millionen ging – wenn es auch nicht 99,9 Prozent waren, wie behauptet – mit den Mitläufern, die nolens völens sich dem Regime anschlössen. Ferner sind der Kategorische Imperativ Kants und die Dramen Schillers dem deutschen Volk doch bekannter gewesen als die von Bauer zitierten Stellen Kants. Bauer befindet sich im Irrtum, wenn er meint, daß solche Philosophen nur in Deutschland zu finden seien oder daß nur die Deutschen autoritäre Politiker und positivistische Juristen hervorgebracht hätten. Was den Nationalsozialismus von allen diesen Leuten meilenweit unterscheidet, ist seine radikale Bereitschaft zum Bösen und dieser Un-geist, der hinter seinen Taten steht, die Verachtung bisheriger Werte, dieses Revolutionäre um des Rausches willen.

Daß Millionen Menschen begeistert das Unrecht für Recht hielten, ist nicht so einfach mit Erziehung zum politischen Nihilismus zu erklären, die es gar nicht gab, höchstens eine zur Glorifizierung der Autorität. Die Philosophen zerstörten das Bewußtsein, für Werte nur zum geringen Teil. Die allgemeine Verwahrlosung setzt mit der Auflösung der alten Gesellschaft ein, als das Begehren und Profitstreben nicht mehr als unvermeidliches Laster, sondern als segensbringende Triebkraft der Wirtschaft erschienen, als die moderne Industrie und Arbeit den Menschen zu einer Null machen, ihn hetzen, ihn vorwärtsdrängen, ihm keine Zeit mehr zur Selbstbesinnung lassen, als der Mensch herausgelöst wird aus allen Bindungen und als Teil einer Riesenmasse eine billige Möglichkeit sieht, seine innere Leere zu überdecken und sich darum eine billige Ersatzreligion oder das Vergnügen sucht.

Ein Haltepunkt

Die Welt und die Lebensumstände wurden und werden so rasend umgestaltet, daß die meisten den Blick für die Bedeutung ihrer Religion verlieren, auch wenn sie noch daran glauben. Die Dinge und Entwicklungen wurden zusehends schlechter überschaubar, und man sucht sich dann fast willkürlich einen Halt oder Blickpunkt.

Dazu kommen die berufliche Überforderung, die Daseinsangst, die den modernen Menschen nach Sicherheit und Bequemlichkeit suchen lassen. Sicher fühlt er sich unter möglichst vielen Gleichgesinnten, auf die Art und Ziele der Gesinnung kommt es ihm gar nicht so genau an. Er sieht oder erfährt einmal etwas, was ihm als Mißstand erscheint, und schon schließt er sich der Gruppe an, die diesen Mißstand zu bekämpfen scheint. Die Auflösung der Konventionen und Sitten und die Mittel der Technik versprechen ihm Bequemlichkeit. Aber er wird diese aufgeben, wenn jemand es versteht, ihm ein Ziel vor Augen zu stellen, das ihm seine innere Leere durch eine neue Mitte überdecken hilft und vor dem er sich mächtig fühlen wird.

Der moderne Mensch lebt nur für die Gegenwart und nur in ihr. Die Zukunft ist Sammelpunkt seiner unerfüllten Wünsche und Begehren, die er nicht aufgeben will, er hält sich für maßlose Ansprüche berechtigt. Diese Situation des Menschen, dessen Leben zusammenhanglos und gespalten ist, und der dafür einen Kitt braucht, ist die eigentliche Wurzel des Nationalsozialismus. Jedenfalls ist etwa in dieser Richtung sein tieferer Entstehungsgrund zu suchen. Der oberflächliche Grund lag in den politischen Verhältnissen.

Wenn der Untertanengehorsam und die Vergötzung des Staates tatsächlich so wirksam waren, wie Bauer behauptet, dann hätte doch die Weimarer Republik nicht durch ewigen Ungehorsam des großen Teils ihrer Bürger so ausgehöhlt werden können.

Bauer läßt auch ungeklärt, warum die Deutschen sich zum Autoritativen verführen ließen. Die Nazis verherrlichten weniger den Staat als die Gewalt, sie sahen in ihr die treibende Macht in der Geschichte. Ihre Ziele und ihre Handlungen sind etwas völlig Neues. Die Genealogie Kant, Luther, Hegel, Friedrich der Große, Bismarck, Hitler ist undiskutabel.

Bauer übersieht, daß die Nazis gerade die roboterhafte Tüchtigkeit überwinden und an Stelle des „römischen“ Rechts den „germanischen Rhythmus des Lebens“ als Ordnungsquelle setzen wollten. Statt subalterne Beamte wünschte Hitler sich Männer, die Gott in sich wissen. Der mangelnde politische Sinn des Deutschen erleichterte es dem Nationalsozialismus bestimmt, gehört aber nicht zum Thema. Er ist nicht der ausschlaggebende Grund dafür, daß es so kommen mußte. Auch der Kasernenhof ist keine Begründung für die Ablehnung alles menschlich Wertvollen durch den Nationalsozialismus.

Für Bauer ist jede Autorität von Übel, und er unterscheidet nicht zwischen Autorität, der Respekt gebührt, und Zwang. Friedrich den Großen und Bismarck mit Hitler zu vergleichen, ist unhistorisch. Man muß die Menschen doch vor dem Hintergrund ihrer Zeit sehen, und dann bleibt aber gar nichts mehr, was sie in die Nähe Hitlers bringen könnte. Daß die Deutschen geduckte und unfreie Erziehungsprodukte wahren, davon hatte man bei der Revolution von 1918 nicht den Eindruck. Selbstunsicher waren sie aus anderen Gründen, nicht weil sie jeglicher Eigenverantwortung entwöhnt, sondern weil diese sie bedrückte, weil alles, woran sie glaubten, ihnen nun etwas fraglich erschien. Die Konsequenz aus Bauers Darstellung ist eigentlich, daß die deutsche Geschichte seit dem Mittelalter nur auf Hitler zugeführt habe. Aber diese Darlegung, die auch besonders die Möglichkeit der Komplicenschaft und des Nährbodens erläutern will, erklärt nicht einmal die Gründe und Motive der Mitläufer ausreichend, denn entweder stimmten diese zu, weil ihnen das Unrecht nicht aufging – die wenigsten wohl von Hegel beeinflußt (warum ist dann Hegel nicht früher „wirksam“ geworden, das späte 19. Jahrhundert brachte das Anwachsen der Staatsmacht zwangsläufig) – oder sie folgten dem Nationalsozialismus aus Angst und Feigheit, einem Nichtsehenwollen, einem Sichaufdeneidberufen aus Furcht und Bequemlichkeit.

Bauer sieht zwar die Phänomene des Nationalsozialismus, aber er versteht sie nicht. Wenn jemand Drill als Drill bejaht, dann scheint dies Untertanenethos doch nur die Entschuldigung dafür zu sein, daß sich der Betreffende im modernen Leben nicht zurechtfindet und blindlings Schutz sucht. Gewiß, 1918 bekamen die Deutschen ein nationales Minderwertigkeitsgefühl, nicht aber, weil das „Reich“ der wirkliche Maßstab war, sondern weil die Nation, die sich nur die beste hielt, trotz aller Opfer verlor.

Trotzdem ist diese Broschüre eine Diskussion wert, denn ihre falschen Ansichten sind oft zu hören, wenn auch meist abgemildert. Wenn Bauer es auch gut meint, er trifft weder die Wahrheit, noch haben seine Gedanken eine heilsame Wirkung.