Von Haug von Kuenheim

Amsterdam, im Juli

Die Amsterdamer Bürger schlafen wieder ruhig. Ihre Polizisten aber patrouillieren durch die Straßen oder fahren langsam in schweren Wagen einher, deren Fensterscheiben durch Drahtgitter geschützt sind. Stahlhelme und Gummiknüppel liegen griffbereit neben ihnen. Sie umkreisen die großen Plätze, halten gelegentlich und horchen in die Nacht. Die Turmuhren schlagen zwölf. Amsterdams Polizisten warten auf die Provos. Aber die sitzen in den Cafés, hocken in ihren Behausungen oder sind aufs Land gefahren. Sie verweigern der Polizei das schon traditionelle wochenendliche Mitternachtsspektakel.

Die Provos von Amsterdam, gestempelt zum Sündenbock der blutigen Unruhen, die vor vierzehn Tagen die Stadt mit den friedlichen Grachten erschütterten, wollen sich von dem Makel befreien, Aufrührer und Anführer jener Demonstrationen gewesen zu sein, bei denen der Maurer Jan Weggelaar den Tod fand und über hundert Verletzte in die Krankenhäuser transportiert wurden.

Wer sind die Provos? Halbstarke, Gammler, Faulenzer, Krawallbrüder? Oder Asoziale, die besser in ein Arbeitslager gehören, was nach einer Umfrage achtzig Prozent aller Holländer für richtig hielten? Nichts dergleichen.

Karthuizersstraat 14, Amsterdam. Das schmalbrüstige, baufällige Haus liegt in einem jener Viertel, in die sich Touristen nicht zu verirren pflegen. Drei Stufen, und wir sind in einem Raum, der einmal weiß getüncht gewesen sein mag. Ein Tisch, ein eisernes Öfchen, ein Dutzend aufgereihter Apfelsinenkisten, vollgepfropft mit Büchern, Zeitungen, Heften; der tropfende Wasserhahn in der Küche nebenan ist nicht zu überhören. In der rechten Ecke steht ein breites, niedriges Bett. In seinen mit Kaffeeflecken übersäten Decken richtet sich Roel van Duyen nur ein wenig auf.

Er ist der Denker der "Provos", seines Zeichens Student der Philosophie, 23 Jahre alt. Schon legt er seinen Kopf in die Kissen zurück. Ein gepflegter dunkler Bart umrahmt das blasse Gesicht, dessen melancholische Augen hinter der Brille einem russischen Emigranten von 1917 gehören könnten. Es irritiert ihn nicht, daß fünf junge Katzen seinen Bart als Punchingball benutzen, sondern er doziert bedächtig über das geistige Terrain, auf dem sich seine Provos bewegen. "Wir bilden die neue revolutionäre Klasse: das Provotariat. Unsere Angriffsziele: die Konsumgesellschaft und die staatliche Ordnung. Wir erstreben die unbeschränkte Selbständigkeit des Einzelwesens. Wir sind Anarchisten."