Auf den Straßen der Bundesrepublik hat die Zukunft noch nicht begonnen. In knapp zehn Jahren wird sich die Zahl der zugelassenen Personenwagen nahezu verdoppeln, von 9,5 bis 17 Millionen. Der Autofahrer im Spitzenverkehr nach Büroschluß ist außerstande, sich auch nur vorzustellen, wie es 1975 in unseren Städten und auf unseren Straßen aussieht. Die Sachverständigen aber haben sich darüber Gedanken gemacht. Zum zweiten Fragekomplex der Folge Straßenverkehr 1975 äußern sich wieder Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, Nordrhein-Westfalens Innenminister Willi Weyer, der CDU-Verkehrssachverständige Ernst Müller-Hermann, Abteilungsdirektor Hermann Gerken von Daimler-Benz, die Präsidenten der Automobil-Clubs Hans Bretz (ADAC), Paul Alfons Fürst von Metternich (AvD) und Kurt Heinemann (ACE), ferner Werner Mackenroth von der Deutschen Straßenliga, Professor Rudolf Hillebrecht, Stadtbaurat in Hannover, und Nürnbergs Oberstaatsanwalt Hans Sachs.

Die Bundesrepublik hat rund 400 000 Kilometer Straßen. Auf jedem Kilometer fahren zur Zeit in einer Stunde durchschnittlich 40 bis 50 Autos. Würden alle deutschen Personenwagen gleichmäßig verteilt zugleich auf Deutschlands Straßen dahinrollen, so hätte jeder Fahrer 40 Meter Straße vor der Windschutzscheibe. 1975 hat er nur noch 22 Meter zum Autofahren.

Unsere zweite Frage:

Um die derzeitige Situation nicht zu verschärfen, müßte sich bei einer Verdoppelung der Kraftfahrzeuge auch das Straßennetz verdoppeln? Was wird tatsächlich sein? Wie wird es auf den Autobahnen, Bundesstraßen und Landstraßen, besonders in den Ballungsgebieten, wirklich aussehen? Werden die Städte, namentlich Städte ohne Umgehungsstraßen, nicht in Blechfluten ertrinken? Was muß geschehen, damit der Straßenverkehr wenigstens nicht unerträglicher wird als er es 1966 schon ist? Welche Vorstellungen haben Sie von idealen Verkehrsverhältnissen bei gesättigtem Automobilmarkt?

Hans-Christoph Seebohm:

Trotz der steigenden Motorisierung ist eine „Verdoppelung“ des Straßennetzes in der Bundesrepublik bis 1975 weder notwendig noch wäre sie volkswirtschaftlich realisierbar. Eine Verdoppelung würde die Finanzkraft der öffentlichen Baulastträger und letzten Endes der Steuerzahler bei weitem überfordern. Verkehrszählungen haben ergeben, daß nur ein relativ kleiner Teil – höchstens zehn Prozent – des Straßennetzes, das aus Bundesautobahnen (3378 Kilometer), Bundesstraßen (29 910 Kilometer), Landstraßen (66 170 Kilometer), Kreisstraßen (55 610 Kilometer) und Gemeindestraßen (etwa 250 000 Kilometer) besteht, in seiner Kapazität zeitweilig ausgelastet ist, das heißt, insbesondere bei gutem Wetter an einigen Festtagen, am Ferienbeginn und Ferienschluß im Sommer und in den wenigen Flutstunden des Berufsverkehrs im Vorfeld großer Städte. Alle übrigen Straßen – insbesondere der überwiegende Teil der Bundes-, Land- und Kreisstraßen – sind durchaus, noch aufnahmefähig.

Die besonders stark belasteten Straßen befinden sich vorwiegend in den Großstädten und in deren Vorfeldern, in den Ballungsräumen und zwischen den einzelnen Ballungsräumen. Hier liegt deshalb das Schwergewicht der laufenden und geplanten Baumaßnahmen entsprechend den gesetzlich festgelegten Maßnahmen des 1. Vierjahresplanes (1959 bis 1962), des 2. Vierjahresplanes (1963 bis 1966) und des in Vorbereitung befindlichen 3. Vierjahresplanes (1967 bis 1970). Im übrigen sollte bei allen Verkehrsprognosen beachtet werden, daß mit zunehmendem Motorisierungsgrad die Fahrleistung, die einen – entscheidenden Faktor für die Verkehrsdichte bildet; erheblich zurückgeht. Willi Weyer: