Von Waldemar- Besson

Werner Maser: Die Frühgeschichte der NSDAP. Hitlers Weg bis 1924. Athenäum-Verlag, Frankfurt/M.; 524 Seiten, 29,80 DM.

Es ist für einen Rezensenten mißlich, wenn er weder allzuviel zu loben noch allzuviel zu tadeln findet. Werner Masers Buch bringt mich in diese Lage. Vor einigen Jahren hätte dieses Thema noch eine empfindliche Lücke in der Geschichte des Nationalsozialismus füllen können. Inzwischen hat aber eine Reihe von Autoren die Anfänge der Hitlerbewegung dokumentiert und dargestellt. Über die Hauptlinien ihrer Entwicklung kann es deshalb heute kaum noch einen Zweifel geben. Unser Verfasser hat seine Quellen sorgfältig studiert, ohne daß er dabei an eine ergiebige neue Ader geraten wäre. Der dokumentarische Anhang enttäuscht. Die Auswertung der Bestände des Hauptarchivs der Partei ergab offenbar nicht viel Neues. Recht verdienstlich dagegen ist die Befragung von Überlebenden, darunter vor allem Hermann Essers, dessen Rolle für die Frühzeit dabei allerdings wohl etwas überschätzt erscheint.

Daß Maser über die mit viel Akribie dargebotene Aufzählung der Fakten nicht hinauskommt, liegt vor allem daran, daß er seinem Stoff nicht mit einer klar erkennbaren Fragestellung gegenübertritt. Was soll eigentlich geschildert werden? Maser setzt mit der Münchener Räterevolution ein, so als wolle er sagen, daß der Nationalsozialismus in seiner Entstehung eine Funktion der besonderen bayerischen Situation gewesen sei. Dann jedoch greift er überraschend auf die Biographie Hitlers zurück, wobei er überzeugend nachweist, daß hier eine Reihe gängiger Klischees berichtigt werden müssen. Hitlers persönliche Entwicklung darf man in der Tat weder verharmlosen noch dämonisieren. Nur in diesem biographischen Kapitel kommt es zu einer Kritik anderer Autoren. Sonst bleibt die wissenschaftliche Diskussion leider ausgespart.

Es folgt die Erzählung, wie Hitler sich in der kleinen Münchener Sektierergruppe der Deutschen Arbeiter-Partei durchsetzte. Der Verfasser greift dabei auf seine in Erlangen bei Professor Schoeps gemachte Dissertation über „Die Organisierung der Führerlegende“ zurück. Minuziös wird dann die weitere Ausbreitung des Nationalsozialismus außerhalb Münchens geschildert. Je mehr sich Maser allerdings dem November-Putsch des Jahres 1923 nähert, um so summarischer wird seine Darstellung. Immer stärker wird auch die allgemeine Geschichte der Weimarer Republik mit einbezogen. Das Jahr 1924 wird nur noch skizziert. So liegt denn der Schwerpunkt des Buches auf den Jahren 1919 bis 1921.

Die Methode des Verfassers, über die freilich nie reflektiert wird, folgt der herkömmlichen Geschichtsschreibung. Zu ihr greift auch heute nicht selten, wer den literarischen Glanz der individualisierenden oder porträtierenden Darstellung erstrebt. Aber Maser gelingen weder prägnante Charakterisierungen der ersten Nationalsozialisten, noch liegt der Akzent insgesamt auf der Biographie Hitlers. Die Darstellung hat auch die Chance kaum genutzt, die die Dramatik der Ereignisse bot, in denen aus unbedeutenden Anfängen eine Lawine wurde. Es stimmt alles, was der Verfasser schreibt. Aber das meiste wußten wir schon, oder wir haben es anderwärts schon besser gelesen.

Es ist schade, daß unser Autor den Ansatz seiner Dissertation nicht weiter verfolgt hat. Hätte er nämlich in einer systematischen Perspektive seinen historischen Stoff ausgebreitet, hätte er sich bemüht, gewisse Grundfragen der Totalitarismusforschung aufzunehmen und mit dem Faktenmaterial zu vereinigen, dann wäre wohl das Ergebnis ansprechender gewesen. Eine Geschichte des Führergedankens in der Partei hätte sich gelohnt. Daß das ein Zentralstrang in der Deutung des Nationalsozialismus ist, liegt auf der Hand. Maser hat genügend Quellen aufgespürt, die dartun, daß man schon für die Jahre 1920 und 1921 von einem klar erkennbaren Führermythos im Nationalsozialismus sprechen kann. Hitler sowohl wie seine Umgebung wollten ihn entschieden. Das wäre ein neuer und wichtiger Gesichtspunkt gewesen, der eine breitere Erörterung verdient hätte. Denn bislang waren wir eher der Meinung, daß der Aufenthalt in der Festung Landsberg und das autobiographische Manuskript „Mein Kampf“, vor allem aber die Wendung von Goebbels zu Hitler den vollen Durchbruch des Führergedankens in der Partei bewirkt hätten. Aber Maser deutet nur an, daß die alte These revisionsbedürftig sei. Er wollte wohl zu viel, und so hat er keines seiner Themen voll ausgeführt.