Von Hildegard Hamm-Brücher

Auch Amerika hat seine „Bildungskatastrophe“: ein alarmierendes Bildungsgefälle zwischen Nord und Süd, Weiß und Schwarz, Vorstadt und Slums.

Auch in Amerika gibt es regionalen Lehrermangel, Elendsschulen und hohe Verlustquoten an den high schools. Auch in Amerika werden vehemente Diskussionen um Begabtenförderung, um Lerneifer und Spätentwickler geführt, und so manche Dissonanz klingt dem westdeutschen Bildungsreisenden einigermaßen vertraut in den Ohren.

Manchmal war ich versucht, beim Anblick einer desolaten Slum-Schule erleichtert aufzuatmen, daß auch das große, das reiche und mächtige Amerika in seinem Bildungssystem so offenkundige Mangelerscheinungen aufzuweisen hat, und auf manche Mißstände könnte man mit dem Finger weisen, weil es „so etwas“ bei uns denn doch nicht gibt: Ist es aber erlaubt, aus all dem und scheinbar folgerichtig das erlösende Bekenntnis zum „bewährten Alten“ abzuleiten?

Meine Reise durch die Vereinigten Staaten hat mich eines anderen belehrt und – wie ich meine – eines Besseren. Es gibt nämlich gewichtige Gründe dafür, daß sich die amerikanischen Notstände leichter reparieren lassen werden als die unseren und daß es einer gefährlichen Ausflucht gleichkäme, die eigene Misere gegen die amerikanischen Kalamitäten gleichsam aufzurechnen.

Einer dieser Gründe heißt: bildungspolitischer Konsensus. Ein politisch motivierter und tatendurstiger Konsensus darüber, daß Innovation, daß Erneuerung nottut. Während die bildungspolitischen Fronten bei uns zumeist zwischen Ministerien, Behörden und Verbänden einerseits und der Fronde privater Mahner andererseits verlaufen, steht in den Vereinigten Staaten das „System“ samt seinen offenkundig gewordenen Unzulänglichkeiten und Mängeln der sorgenvollen Kritik und den vereinten Anstrengungen aller Beteiligten und Verantwortlichen gegenüber.

Die schonungslose Darstellung der amerikanischen Bildungsmisere und die großen Programme zur Innovation sind keine Privataktionen von Einzelkämpfern wie Picht oder Edding oder Dahrendorf, sondern im besten Wortsinn Staatsaktionen der Regierung, zu der sich Stiftungen, Verbände, Schulmänner und Opposition gesellen und, nicht zu vergessen, prominente wie anonyme Bürger in großer Zahl.