Den schändungssicheren Grabstein, der zurückfedert und dem Frevler, der ihn umzustoßen versucht, gegen das Schienbein schlägt, gibt es bisher noch nicht. Ebensowenig die automatische Bestattungsmaschine, die selbsttätig den Boden aushebt und den Sarg absenkt, während von einem Tonband zu Orgelklängen tröstende Worte ertönen. Es fanden sich bisher keine Kapitalgeber, die den Erfindern die kommerzielle Auswertung dieser Ideen ermöglichten. Auch Horst Angermann, der Hamburger Industriemakler, konnte in diesen Fällen nicht helfen.

Schmunzelnd erzählt er, daß sich unter den durchschnittlich dreihundert Anfragen, die ihn in jedem Monat erreichen, auch immer wieder Briefe genialer, bisher aber völlig verkannter Genies befinden. In der Mehrzahl der übrigen Schreiben spiegelt sich jedoch nach seiner Meinung die schwierige und zuweilen trostlose Lage, in der sich ein großer Teil der mittelständischen Industrie der Bundesrepublik befindet. In vielen dieser Briefe wird von den Eigentümern mittlerer und kleinerer Betriebe unverblümt angefragt, ob sich ein deutscher oder ausländischer Interessent finden lasse, der das gesamte Unternehmen mit Gebäuden, Maschinen und Patenten übernehmen will. Andere suchen nur eine Beteiligung, weil ihnen finanziell die Puste ausgegangen ist.

„Minderheitsbeteiligungen interessieren heute einen Kapitalgeber kaum noch“, weiß Angermann aus seinen Erfahrungen zu berichten. Das ist für einen selbständigen Unternehmer meist eine bittere Erkenntnis. Kapital aufnehmen möchte er schon, aber Herr im eigenen Haus bleiben, will er auch. Oft ist das Unternehmen schon seit Generationen im Besitz der Familie und die Chroniken geben Auskunft darüber, mit welchen Opfern der Urgroßvater einst die Firma durch eine Krise hindurchgesteuert hat. Da möchte der Enkel nicht nachstehen.

Horst Angermann, der die enge Verbindung zwischen Geschäft und Familientradition als charakteristisch für den deutschen Mittelstand ansieht, ist der Inhaber einer der drei großen Industriemaklerfirmen der Bundesrepublik. Im Laufe der letzten Jahre hat er den Verkauf zahlreicher mittlerer und kleinerer Industrieunternehmen im In- und Ausland vermittelt. Die Sorgen der deutschen Unternehmen kennt er nicht nur aus den Gesprächen mit ihren Eigentümern und dem Blick in ihre Geschäftsbücher. Er sieht sie auch mit den Erfahrungen, die er bei seinen Verhandlungen mit den Inhabern vergleichbarer Betriebe im Ausland gesammelt hat. Angermann ist nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in den EWG-Ländern, England, Österreich und den USA tätig.

„Der deutsche mittelständische Unternehmer leidet an chronischem Kapitalmangel. Solange wir vom Weltmarkt abgeschlossen waren, machte sich das nicht so bemerkbar. Heute aber sehen sich unsere Unternehmer Konkurrenten gegenüber, die über ein ungleich dickeres Kapitalpolster verfügen. Nehmen wir England – dort entspricht die Höhe des Eigenkapitals oft einem Jahresumsatz. Wo findet man das bei uns?“

Außer dem Kapitalmangel gibt es natürlich auch persönliche Gründe für die Aufgabe eines Betriebes. Man möchte noch etwas vom Leben haben, ist der ständigen Sorgen und Arbeitsüberlastung müde. Eine große Rolle spielt auch das Generationenproblem. Entweder es fehlen die Erben oder – wenn sie da sind – fehlt ihnen Lust und Eignung, die Sorgen und die Arbeit des Vaters zu übernehmen. Hier zeigt sich eine der großen Schwächen der fast noch feudalistischen Verfassung dieser Familienunternehmen.

Nach Ansicht Angermanns spielen solche Gründe neben den finanziellen Sorgen aber eine untergeordnete Rolle. Zahlreicher sind die Fälle, in denen der Chef eines noch gut gehenden Betriebes das Gefühl hat, daß ihm die Übersicht über den Markt und die allgemeine Wirtschaftsentwicklung verlorengeht. „Viele dieser Männer sind betriebsblind. Sie haben ihr Unternehmen nach dem Krieg wieder hochgeboxt, waren aber ständig so eingespannt, daß ihnen für Fortbildung und Information keine Zeit blieb. Die EWG ist ihnen fast noch unbekannt.“ In der mangelnden Vorbereitung auf den Gemeinsamen Markt sieht Angermann eine der größten Gefahren für den mittelständischen Unternehmer, das „Arbeitspferd unserer Tage“, wie er ihn gern nennt.