Washington, im Juli

Wenn Meinungsumfragen Geschichte machen können, dann haben sie es bei der Einbeziehung der Treibstoffanlagen Nordvietnams in die amerikanische Bomberoffensive getan. Die militärischen Gründe, die Präsident Johnson für die jüngste Eskalationsmaßnahme ins Feld führte, waren von den Stabschefs wiederholt vorgebracht worden. Die Versorgung der Vietcong-Einheiten per Lastwagen und Motordschunken aus dem Norden war seit fünf Monaten zu beobachten. Der letzte Anstoß zur Bombardierung der Öltanks bei Hanoi und Haiphong hatte denn auch eine vorwiegend innenpolitische Ursache: Die Popularität Johnsons ist auf den tiefsten Stand seit Beginn seiner Amtstätigkeit gesunken.

In den primaries – Vorwahlen zu den Kongreßwahlen im November – sind die liberalen Befürworter eines amerikanischen Rückzuges aus Vietnam fast ausnahmslos geschlagen worden, das Volk ist ungeduldig – nicht, weil der Konflikt in Südostasien lange währt und das amerikanische Engagement immer größer wird, sondern weil sich der Präsident bisher nicht entschlossen hat, die Machtmittel der USA wuchtig einzusetzen und dadurch, wie die Öffentlichkeit hofft, den Krieg zu verkürzen.

Das alles ergab sich auch aus den Umfragen, deren neueste Ergebnisse Johnson stets griffbereit in der Rocktasche trägt. Er hat nicht den „Falken“ nachgegeben, welche diese Bombardierungen verlangten; er erlag seiner inneren Unsicherheit, welche Folgen ein fortgesetztes Zaudern für ihn haben könne. Die Rauchwolken über den vernichteten Treibstofftanks Nordvietnams sind ein Fanal seiner Entschlossenheit, nun den vollen militärischen Sieg anzusteuern, wenn der Gegner nicht verhandeln will.

Es muß freilich bezweifelt werden, daß die Treibstofflager ein überragend wichtiges militärisches Ziel darstellen. Nordvietnam ist vorwiegend Agrarland, in dem die Industrie weniger als zehn Prozent der Wirtschaftskapazität ausmacht. Weder die Wirtschaft noch die militärische Leistung der Nordvietnamesen wird durch den Ausfall der Treibstoff Versorgung aus den zerstörten Tanks entscheidend geschwächt. Das könnte vielleicht geschehen, wenn sämtliche Deiche, Dämme und Wasserregulierungsanlagen im Delta des Roten Flusses von den amerikanischen Bombern zerstört würden. Aber daran wird auch aus humanitären Gründen vorerst nicht gedacht.

Das Dilemma des vietnamesischen Konfliktes ist nach der Eskalation des Bombenkrieges kaum geringer geworden. Noch hat Peking nur mit einer Eskalation des Wortkrieges gegen die Amerikaner reagiert, und noch läßt sich daher keine Parallele zu Korea ziehen. Wenn Johnson jedoch wirklich meint, was er sagt; wenn er den hartnäckig auf die Eroberung Südvietnams hinarbeitenden Gegner so weich schlagen will, daß er das Unternehmen aufgibt, dann müßte dieser Eskalation noch manche andere folgen. Mit der Einbeziehung militärisch-industrieller Ziele im Gebiet Hanoi–Haiphong hat Johnson den „Falken“ Mut gemacht; ihnen genügen die Öltanks jetzt schon nicht mehr.

Der Präsident ist in einer schwierigen Lage. Es hat wenig Sinn, die Lastwagen zu bombardieren, die den Nachschub an den Ho-Tschi-Minh-Pfad transportieren, nicht aber die Lagerstätten für das Benzin, das diese Lastwagen antreibt. Johnson bereiten die wachsenden Klagen Unbehagen, daß immer mehr Soldaten in Südvietnam ihr Leben riskieren müssen, ohne daß der Gegner wirklich an seiner Ausgangsstellung in Nordvietnam getroffen wird. Es ist kein Vergnügen für einen amerikanischen Präsidenten, dem Kampf um seine Wiederwahl angesichts der unerbittlichen Konkurrenz der Opposition und der Gegner in der eigenen Partei mit einem sich ewig dahinschleppenden, unpopulären Krieg am Bein entgegenzuziehen. Es schwächt das Prestige Amerikas, ein Verhandlungsangebot nach dem anderen zu machen und jedesmal eine Zurückweisung zu erfahren.