Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Juli

Unter den Bilanzen, die in Paris nach der Rückkehr de Gaulles aus Moskau gezogen wurden, findet sich die Feststellung: Er habe das Balancier-Kunststück fertiggebracht, mit einer Rußlandreise sowohl Moskau wie Bonn zufriedenzustellen – ja, zu Beifallskundgebungen hinzureißen. Beide hätten die Voraussetzung anerkannt, unter der de Gaulle in Rußland verhandelt und deklamiert habe: die Hypothese, daß der Kalte Krieg zu Ende sei oder daß man zumindest so miteinander reden könne, als habe er sich überlebt.

Die Kommentatoren aller Richtungen sind sich darin einig, daß der Eiserne Vorhang ein Stückchen geöffnet worden ist. Sie meinen auch, daß er geöffnet bleiben werde, weil der Kreml den Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung tragen müsse; die Massen hätten ihr Interesse an dem großen Mann aus dem Westen von Tag zu Tag offener und herzlicher demonstriert.

De Gaulle hat nach Pariser Ansicht auf seiner Reise eine doppelte Rolle gespielt. Einmal habe er der sowjetischen Bevölkerung das Gefühl gegeben, daß sie und ihre Gesellschaftsform im Westen ohne Scheu, Überheblichkeit und Furcht betrachtet würden; er habe den Sowjets sozusagen die Anerkennung als vollgültige Europäer gebracht. Dafür habe er als ein vom Kreml mit besonderem Vertrauen und mit Privilegien ausgestatteter Brückenbauer zwischen Ost und West zurückfahren können. Die direkte Fernschreibleitung zwischen Kreml und Elysée gilt als Symbol für diesen Status. Zwar macht sich niemand Illusionen über ihren praktischen politischen Wert. Man weiß, daß der Heiße Draht zwischen Washington und Moskau Katastrophen verhindern soll, wie sie die Force de frappe noch lange nicht heraufbeschwören kann. Immerhin soll die Serie der neuen französischen Atomversuche im Pazifik, die der Entwicklung der Wasserstoffbombe dienen, klarmachen, daß de Gaulle in den internationalen Beziehungen nicht nur die Rolle eines Missionars zu spielen gedenkt.

Es ist nicht zu leugnen, daß die wichtigsten Ergebnisse der Reise im Atmosphärischen liegen. Die konkreten Ergebnisse sind selbst auf anderen als politischen Gebieten mager. Man meint, daß in Zukunft die französische Industrie mehr sowjetische Aufträge bekommen würde. Aber das muß sie mit oder ohne Reise erwarten, wenn sie nicht die jahrelangen Bemühungen um die Ausweitung des Warenverkehrs als völlig gescheitert ansehen soll: Der Rußlandhandel machte 1965 1,4 Prozent von Frankreichs Einfuhren und 0,7 Prozent von seinen Exporten aus. Auch die wissenschaftliche und technische Zuammenarbeit steckt – trotz des Secam-Farbfernseh-Vertrages – noch in den Anfängen.

Freilich versteht sich keiner so darauf wie de Gaulle, mit atmosphärischen Elementen Politik zu machen. An seinem Reiseprogramm für die nächste Zeit ist auch schon abzulesen, wie er vorgehen wird.