Von Ulrich Kaiser

Seit dem 1. Juni, kurz vor 16 Uhr, ist die Tennis-Welt um eine Legende reicher. Sie erzählt von dem armen Jungen, der in den Hinterstraßen Madrids herumstrolchte, der sich ein paar Peseten damit verdiente, indem er den Reichen auf einem Tennisplatz die Bälle auflas, der dann selbst ein altes Racket in die Hand bekam und das Abgeguckte viel besser als seine Vorbilder vorführte, der einen Mäzen fand, der ihn unterstützte, adoptierte, der ihn zur Schule schickte, ihm Tennis-Unterricht geben ließ, der ihm die Möglichkeit gab, auf Turnieren zu starten und der schließlich miterleben durfte, wie sein Schützling Sportler des Jahres wurde, wie er die Mannschaft seines Landes bis in die Davispokal-Herausforderungsrunde führte und der schließlich Wimbledonsieger wurde, Gewinner des wertvollsten Tennisturniers der Welt.

Am 1. Juli, kurz vor sechszehn Uhr, vollführte der Spanier Manuel Santana einen kurzen, verrückten Freudensprung auf dem Centre Court des Tennis-Mekkas, nachdem er ein für seinen amerikanischen Gegner Dennis Ralston unerreichbares Volley in das Feld gesetzt hatte. Er strahlte über sein ganzes Fernandel-Gesicht, warf Kußhände hinauf in die Spielerloge, wo seine Frau Maria saß, heute die angesehene Gattin des Direktors der Tennis-Abteilung von Real Madrid und Interessenvertreters der amerikanischen Zigarettenfabrik Philip Morris. Man rollte den grünen Teppich auf den nach zwei Wimbledon-Wochen ausgetretenen Rasen, Prinzessin Marina, die Herzogin von Kent, erhob sich von ihrem Platz in der Royal Box und mit ihr die 15 000 Zuschauer, sie schritt herab und überreichte Santana den begehrtesten Tennis-Pokal der Welt, so wie sie es seit langer Zeit zu tun pflegt. Aber zum erstenmal erlebte sie, wie sich der gerade gekürte inoffizielle Weltmeister über ihre Hand tief zum Kusse beugte. Von solcher spanischen Grandezza offensichtlich überrascht, zog die hohe Dame hastig ihren Arm zurück. Zu spät – „Manolo“, wie sie ihn zu Hause nennen, hätte in dieser Stunde wahrscheinlich auch den Schiedsrichter, einen würdigen älteren Herrn, geküßt. Der Beifall für ihn war so groß, wie seit Jahren nicht mehr. Das Volk feierte einen populären Sieger, es feierte den ersten Europäer seit einem Dutzend Jahren – damals, 1954, siegte der Tschechoslowake Jaroslaw Drobny –, es feierte den Sieg des Artisten und Künstlers über eine Reihe von Tennis-Robotern, die in den letzten Jahren herrschten und es wahrscheinlich auch in Zukunft wieder tun werden.

Die Frage wird bleiben, ob dieses 78. Wimbledon nicht nur von dem besten, sondern auch von dem stärksten Spieler gewonnen wurde. Roy Emerson, der australische Favorit, rannte mit der Schulter gegen den Schiedsrichterstuhl auf dem Centre Court, als er gegen seinen Landsmann Owen Davidson klar führte, unterdrückte zwar seine Schmerzen und spielte weiter, aber nach einer guten Stunde war er geschlagen. Tony Roche, den man als Nr. 2 gesetzt hatte, weil er zuvor die Meisterschaften von Frankreich in Paris und die von Italien in Rom gewonnen hatte, verletzte sich bereits vor Beginn des Wimbledon-Turniers am Knöchel und wurde von dem Südafrikaner Cliff Drysdale ebenfalls ausgeschaltet. Er meinte zwar, daß er zu diesem Zeitpunkt keine Schmerzen mehr verspürt habe, aber das ändert nichts daran, daß es ihm an Training und damit an Sicherheit gebrach. All die Tennis-Ästheten, die jahrelang darauf gehofft hatten, daß endlich jemand die monotonen australischen Tennis-Maschinen stoppen würde, sahen sich auf einmal gezwungen, zugeben zu müssen, daß ein gesunder Emerson mit beiden Finalisten im Endspiel wahrscheinlich wenig Mühe gehabt hätte. Das ist natürlich eine Hypothese. Aber sowohl die Artistik des Schlagkünstlers Manuel Santana hat auf den Rasenplätzen Wimbledons, bei denen der Ball im Moment des Aufschlagens unwahrscheinlich an Fahrt gewinnt, unübersehbare Grenzen, als auch das trockene Zweck-Tennis, das der Amerikaner Dennis Ralston vorführt. Die Weltranglisten, die Ende des Jahres veröffentlicht werden, können natürlich keine Verletzungen und Mutmaßungen honorieren, und so wird es in diesem Jahr vielleicht keiner der Australier sein, der sie anführt. Viel hängt natürlich vom letzten der bedeutenden Treffen ab, zu denen im weißen Sport noch geladen wird: den USA-Meisterschaften Anfang September in Forest Hills. Alle diese Dinge zeigen folgende Rechnung auf: Der Roy Emerson, der vor drei Jahren in Wimbledon gegen Wilhelm Bungert, den deutschen Meisterspieler, unterlag, hätte den Roy Emerson von heute geschlagen, jener Emerson von vor drei Jahren wiederum hätte kaum eine Chance gegen seinen Landsmann Rod Laver gehabt, der ihm als Wimbledon-Sieger voranging. Das Resultat dieses eventuell ein wenig krausen Gedankengangs kann nur heißen, daß die Leistungen in der Weltspitze zurückgegangen sind. Wobei es müßig ist, über die Gründe zu debattieren.

Da schon der Name Bungert fiel – ein Wort zu den Deutschen. Der Deutsche Tennisbund hatte es für ausreichend gehalten, mit Wilhelm Bungert und Ingo Buding nur seine beiden Spitzenspieler zu den inoffizellen Weltmeisterschaften zu entsenden. Der erstere überstand die erste Runde gegen einen Franzosen namens Bernard Montrenaud und wurde dann von Emerson in drei Sätzen fast deklassiert. Der in der Nähe von Düsseldorf als Großhändler in Sachen Sportartikel arbeitende Bungert hatte eine Woche vor Beginn des Wimbledon-Turniers auf den roten Hartplätzen in Hannover noch im Davispokal gegen Großbritannien spielen müssen – übrigens ausgezeichnet –, so daß man ihm die mangelnde Vorbereitungszeit kaum vorwerfen konnte. Die Hoffnung, daß er vielleicht doch wieder, wie in den Jahren 1963 und 1964, durch große Spiele weit vordringen könnte, zerschlug sich bereits, als die Auslosung bekannt wurde, die ihm – wie gesagt – Emerson als zweiten Gegner bescherte. Seinem Kompagnon Buding wurde bereits in der ersten Runde der baumlange Australier Fred Stolle vorgesetzt, der in den drei vergangenen Jahren den „Rekord“ des deutschen Tennis-Barons Gottfried von Cramm einstellte, als er jeweils im Finale unterlag. Budings Stärke liegt im Spiel auf den Hartplätzen, er unterlag natürlich, wobei noch bemerkenswert bleibt, daß es ihm im ersten Satz bis zu einer 5:0-Führung des blonden Riesen aus Australien gerade gelang, vier Punkte zu machen. Zu denken, geben mag allerdings die Tatsache, daß man seitens des deutschen Verbandes noch nicht einmal; Anstalten machte, irgendwelchen jüngeren Spielern die Chance zu geben, an diesem Weltturnier teilzunehmen. Ob man in Deutschland hofft, daß sich ein solches Wunder, wie der Jahrgang 1939 (Bungert, Kuhnke, Ecklebe, Stuck) noch einmal wiederholt, ist die Frage. Unter normalen Umständen ist es Wundern vorbehalten, nur sehr selten zu geschehen. Frankreichs Tennisverband zum Beispiel sandte neben dem einzigen Spitzenspieler Pierre Darmon noch acht Jugendliche in dieses Fegefeuer, die zwar nichts gewannen, außer Erfahrung, aber das ist ja auch schon etwas... Von den deutschen Damen Edda Buding, Helga Schultze und Helga Niessen, die bei jener Nachahmung des Davispokals der Herren, dem Ladies-Cup, in diesem Jahr in Turin den zweiten Platz belegten, ist zu berichten, daß sie gewannen, solange es möglich war, dann aber gegen die rasenplatzgewohnten Australierinnen Margaret Smith (Edda Buding) und Karen Krantzcke (Helga Niessen) und die Amerikanerin Kathy Harter (Helga Schultze) ausschieden. Es gibt in ganz Deutschland keine Spielerin, die das harte Aufschlag-Volley-Spiel beherrscht. Es bleibt ihnen dafür überlassen, attraktiver auszusehen, was für eine Frau, auch für die Siegerin, die US-Studentin Billie Jean King, wahrscheinlich sogar wichtiger ist.

Das alles war Wimbledon 1966, das achtundsiebzigste seit 1877. Die gleichen Orgien in „strawberries and cream“, Tee und herrlich buntem „cake“, unwahrscheinlich phantasievollen Hüten – lediglich neu nur die fast zwei Handbreit über dem Knie endenden Rocksäume der Damenwelt, die den kontinentalen Besucher zumindest in den ersten Tagen in einige Verwirrung stürzen können. Und neu natürlich der Sieger der Herren, der Spanier Manuel Santana, nach all dem australisch-amerikanischen Einheits-Bumbum der letzten Jahre. Er werde im kommenden Jahr nur noch die bedeutenden Turniere mitspielen, so erklärte er, natürlich auch Wimbledon. Bei aller Sympathie, die man diesem Manne entgegenbringt, weil er den Ball auch streicheln kann und nicht nur prügeln, bleibt zu bezweifeln, ob der Sieger 1967 wieder Manuel Santana heißen wird. Gegen die Flut der Talente aus dem fünften und dem neuen Erdteil hat der spanische Damm einmal standgehalten, aber ob er es noch einmal kann? Ob er glaube, nun der stärkste Spieler der Welt zu sein, fragten ihn die Journalisten nach seinem Sieg. „Das herauszufinden, ist euer Job!“ meinte er, und ein breites Lachen über die gelungene Antwort überzog sein häßliches Gesicht, welches dabei so schön wurde, wie das der Jungen in den Hinterstraßen in Madrid.