Über die einzige slawische Minorität auf deutschem Boden, die Sorben, wurden jetzt in DDR-Publikationen Details bekannt: Es gibt heute in Ostdeutschland 110 zehn- und zwölfklassige Oberschulen, an denen Sorbisch gelehrt und gesprochen wird. Im Sorben-Zentrum Bautzen, wo sich auch der Sitz der zentralen Sorben-Institution „Domowina“ befindet, werden am „Sorbischen Institut für Lehrerbildung“ gegenwärtig dreihundert DDR-Bürger als Lehrkräfte und Kindergärtnerinnen ausgebildet. Die Ostberliner (und für Westbesucher gratis verteilte BILD-Imitation) „Neue Bild-Zeitung“ kommentiert: „Neunzig ausländische Delegationen, darunter Vertreter der dänischen Minderheit in Westdeutschland, urteilen: Vorbildlich für Erziehung und Bildung in einem zweisprachigen Gebiet...“ Was freilich verschwiegen wird, ist die Tatsache, daß große Teile der Bevölkerung anti-sorbisch eingestellt sind: So kam es 1956 zu einigen – für die DDR-Regierung peinlichen – Ausschreitungen von Arbeitern gegen Angehörige und Propagandisten der Minorität. Auch die Tatsache, daß in Ostdeutschland zweisprachige Reichsbahn-Regionalfahrpläne, Ortsbezeichnungen, Briefmarken und Poststempel zur friedlichen Koexistenz halbslawischer und deutscher Bürgersleute beitragen sollen (was natürlich zugleich eine Freundschaftsgeste an sozialistische Bruderländer Osteuropas ist), kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Sorbische zugunsten des Deutschen als Hauptsprache in ständigem Rückgang begriffen ist. Nach offiziellen Schätzungen gibt es heute noch rund 150 000 Menschen, die sorbisch sprechen. B. G.