Leos Janáček: „Streichquartette Nr. 1 und 2“; Smetana-Quartett; Electrola SME 91 442, 25,– DM.

Im Alter von fast siebzig Jahren griff der aus Hukvaldy (Nordostmähren) stammende Leos Janáček noch einmal alte Pläne auf: Er begann – 1923 – die Arbeit an zwei Streichquartetten. Was er früher nicht fertigstellen konnte, gelang ihm jetzt sehr schnell: Ein literarisches Erlebnis – die Lektüre von Tolstois „Kreutzersonate“ – und die Erinnerung an eine späte Liebe halfen entscheidend mit; die Quartette wurden zu spätromantischen Bekenntniswerken schlechthin („Intime Briefe“ heißt das zweite Quartett, die vier Sätze beschreiben „die erste Begegnung“, einen „Urlaubssommer“, die „Sorge“ um die geliebte Frau). Andererseits finden in den Quartetten die musiktheoretischen Überlegungen Janácčeks ihren Niederschlag, die Volksliedforschung und die Suche nach neuen harmonisch-rythmischen Wegen. – Die neue Aufnahme der Electrola tritt in Konkurrenz zu der bereits seit 1964 vorliegenden hervorragenden Einspielung mit dem Prager Janáček-Quartett (Supraphon SUA 50 556). Während das tschechische Quartett damals mehr die progressiven musikalischen Tendenzen, die neuen Klangmittel und harten harmonischen Kontraste hervorkehrte, scheint mir die jetzt erschienene Platte den intimen, sehr persönlichen Charakter der Werke zu betonen; das Ganze ist weniger direkt aufgenommen, klingt weicher, eine leichte Melancholie ist spürbar, Janáček ist hier eher der Mann, der Rückschau hält – ein halbes Jahr nach Beendigung des zweiten Quartetts starb Janáček.

Heinz Josef Herbort