Von Marion Gräfin Dönhoff

Washington, im Juli

Wer heute nach Washington kommt, kann sich kaum vorstellen, daß dort jahrzehntelang alle politischen Vorstellungen und Aktionsprogramme des Westens entwickelt und formuliert worden sind: von der Truman-Doktrin (1947) bis zu Kennedys Peace Strategy (1963). Wer heute in die amerikanische Zentrale reist, der stellt fest, daß dort der Mangel an außenpolitischer Führung und an Konzeption genauso groß ist wie daheim bei uns.

Im Weißen Haus denkt, spricht und träumt – alpträumt – man nur von Vietnam. Alle anderen Themen sind zweitrangig. Das State Department hat sich in den alten Schützenlinien der fünfziger Jahre eingegraben und blickt besorgt auf die Europäer, die angeblich im Begriff sind, einer Entspannungs-Euphorie anheimzufallen. Und im Pentagon, wo merkwürdigerweise der Zorn über de Gaulle, den abtrünnigen Partner des Verteidigungsbündnisses, geringer ist als im State Department – vermutlich, weil das Außenministerium seine Politik ganz auf der Vorstellung eines integrierten Europas aufgebaut hatte – ist man einer elastischeren Beurteilung der Weltsituation zwar zugänglich, aber selber im Grunde auch ohne Konzeption.

Das Volk schließlich ist tief gespalten. Nicht nur in seiner Haltung zum Vietnamkrieg, der hawks und doves gegeneinanderstellt, draufgängerische "Habichte" und friedliche "Tauben", sondern grundsätzlich in der Frage, welche Rolle Amerika in der Weltpolitik eigentlich spielen solle.

Senator Fulbright: "Woher nehmen wir überhaupt das Recht, uns in der ganzen Welt in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen? Wie kommen gerade wir dazu, anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen und was sie keinesfalls tun dürfen?"

"Vielleicht, Mr. Senator, kraft des Rechts einer Weltmacht", fagte ich ihn. "Eine Weltmacht kann ja schließlich nicht behaupten, daß ihr gleichgültig sei, was in der übrigen Welt vorgeht!"