So siegte Preußen über Österreich (Fortsetzung)

Von Paul Sethe

Moltke war von Berlin gekommen. Elbarmee (Herwarth) und Erste Armee (Prinz Friedrich Karl waren einander nähergerückt, die zweite Amee (Kronprinz Friedrich Wilhelm) war noch einen halben Tagesmarsch zurück. Die Fühlung mit den Österreichern war seit Tagen verlorengegangen. Die preußische Reiterei – „wie ein Luxusartikel mitgeführt“, wie Schlieffen später spöttisch bemerkte – hatte nicht festzustellen vermocht, wo der Gegner stand. Aber am 2. Juni erspähte eine Patrouille des Ulanenmajors von Unger in halsbrecherischem Ritt und in heftigem Kugelwechsel die österreichischen Stellungen; mindestens drei Korps, so meldete er, stünden zum Kampf bereit.

Sofort befahl Friedrich Karl für den folgenden Morgen den Angriff. Den Kronprinzen ließ er bitten, wenigstens mit einem Korps zu Hilfe zu kommen. Er glaubte, nur einen Teil der österreichischen Armee vor sich zu haben. Ihn hoffte er schlagen zu können. Wenn sein Plan ausgeführt worden wäre, so wären die Preußen wohl geschlagen worden.

Aber zum Glück teilte er auch dem König in Gitschin mit, was er erfahren hatte, und dieser unterrichtete Moltke. Der Generalstabschef ahnte auch mehr als er wußte, daß vor Friedrich Karl die feindliche Hauptarmee stand. Aber seine Intuition genügte für den entscheidenden Entschluß: durch die Nacht und feindliches Land ritt der Oberstleutnant Graf von Finckenstein nach Königinhof zum Kronprinzen mit dem gemessenen Befehl, mit der ganzen Armee aufzubrechen, den Österreichern von Norden her in die Flanke zu fallen.

Major der Reserve Bismarck

Friedrich Karl hatte sich schon als siegreichen Feldherrn in einer großen Schlacht gesehen. Moltkes Anordnungen machten ihm deutlich, daß ihm nur die Rolle zugedacht war, den Feind festzuhalten, daß die Entscheidung von Norden her kommen sollte. Das war bitter für einen fähigen und ehrgeizigen General und Prinzen.. Aber er war Preuße, er gehorchte. Er hatte um zehn Uhr angreifen wollen, damit seine Truppen ausgeruht und nicht mit leerem Magen ins Gefecht gingen. Moltke befahl den Angriff für acht Uhr, als viele Soldaten nach anstrengendem Anmarsch noch kein Stück Brot gegessen hatten. Aber sie griffen an, wie es befohlen war.