Von Uwe Nettelbeck

Vor einer Woche schrieb Enno Patalas in dieser Zeitung: "Die Berlinale-Krise ist im vergangenen Jahr mit dem besseren Programm nicht beseitigt, sondern bloß verschleiert, ein abermaliger offener Ausbruch wie der von 1964 nur hinausgeschoben worden. Ob für mehrere Jahre, ob nur für eines, das wird die Reaktion auf das Programm dieses Jahres erweisen."

Nun, am Ende der XVI. Internationalen Filmfestspiele von Berlin, die in zwölf Tagen im offiziellen Programm höchstens drei oder vier interessante Filme gebracht haben, also rund zwanzig überflüssige, hat es sich erwiesen: Die Berlinale 1966 war eine Farce wie die von 1964, und es ist nur zu hoffen, daß der abermalige offene Ausbruch der Krise zu einem Abbruch der Veranstaltung führt und nicht zu einem neuen Versuch, durch geringfügige Reformen zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Die Berlinale muß ein neues Statut und, so sich einer findet, einen neuen Direktor bekommen; vielleicht wäre es eine Lösung, die Leitung des Festivals der Berliner Filmakademie anzutragen.

Daß der Berlinale in ihrer derzeitigen Struktur die Stunde geschlagen hat, zeigte drastisch auch das Votum des Publikums an den Kassen der Festivalkinos, eben jenes breiten Publikums, das dem Direktor Bauer und seinen Leuten in den Köpfen herumspukt und für das sie eigens Filme heranschaffen, die keiner sehen will: Es blieb zu Hause, wenn es hätte kommen sollen, und kam, wenn es den Erwartungen der Veranstalter nach hätte zu Hause bleiben müssen; ausverkauft waren nur die Projektionen jener Filme, die auch im Programm einer neuen Berlinale ihren Platz gehabt hätten.

Ein Filmfestival vom Ausmaß der Berlinale hat eine dreifache Aufgabe: Es sollten dort möglichst viele und möglichst interessante Filme vorgeführt werden, im Wettbewerbsprogramm, in der Informationsschau und in den Retrospektiven, die anderswo noch nicht zu sehen waren oder zu Unrecht übergangen worden sind. Es sollte dem lokalen Publikum – und das ist in Berlin profilierter als in Cannes und Venedig–die Gelegenheit geben, Filme zu sehen, die der Spielplan der kommerziellen Kinos ihm vorenthält oder mit einer unzumutbaren Verspätung oder verstümmelt präsentiert. Es sollte schließlich vermitteln zwischen denen, die Filme sehen, und denen, die mit Filmen handeln wollen.

Die erste Aufgabe ist für Berlin am schwierigsten zu lösen, da die Zahl der interessanten Filme, die nicht schon in Cannes gelaufen oder noch nicht für Venedig reserviert sind (wie in diesem Jahr allein aus Frankreich die neuen Filme von Agnes Varda, Robert Bresson, Alain Resnais und François Truffaut), gering ist und auch dann gering bleiben wird, wenn die Berlinale ihre Anstrengungen, solche Filme für ihr offizielles Programm zu gewinnen, vervielfacht. Das bedeutet: Es sollte das offizielle, einem bestimmten internationalen Reglement unterliegende Wettbewerbsprogramm – zugelassen sind nur Filme, die noch nicht außerhalb ihres Herstellungslandes und auf keinem anderen internationalen Festival im Wettbewerb gezeigt worden sind – so weit wie nötig reduziert werden. Es hat keinen Sinn, das Programm mit Filmen aufzublähen, die zwar neu sind, aber idiotisch. Die einzige reale Chance für Berlin im alljährlichen Tauziehen um die wenigen Filme, um die sich ein Tauziehen lohnt, liegt vorläufig darin, es nicht mitzumachen und den Berliner Wettbewerb exklusiv zu halten. Dann werden die Produzenten eines Tages schon von selber kommen und ihre Filme anbieten. Heute aber, da die Berlinale den Ruf hat, jeden Mist dankbar anzunehmen, um über die Distanz zu kommen, suchen sie ihre Chance zuerst bei den anderen Festivals und nur zuletzt, eben mit den Filmen, die niemand sonst haben wollte, in Berlin. Aus diesem circulus vitiosus muß die Berlinale ausbrechen, es müßte möglich sein.

Weniger schwierig ist die zweite Aufgabe, der Dienst am Publikum. Voraussetzung ist allerdings, daß die Leute, die sich ihrer zu entledigen haben, etwas von der Sache verstehen – was man von Bauer und den Seinen nicht sagen kann. Weniger schwierig, weil der Festivalleitung bei ihrer Lösung keiner hineinreden kann: Es könnten auf der Berlinale alle Filme der vorausgegangenen zwölf Monate zu sehen sein, denn so viele sind es nicht, die für ein interessiertes Publikum, das nicht in der Lage ist, im Ausland herumzufahren und sich Filme anzuschauen, wichtig sind.