km, Tübingen

In Baden-Württemberg macht sich die katholische Kirche für die Demokratie stark. Durch ihren bischöflichen Justitiar im Ordinariat Rottenburg ließ sie verkünden: „Es ist erschütternd zu sehen, wie wenig ernst in den meisten Stellungnahmen die Landesverfassung genommen wird. Sie wird praktisch als nicht existent behandelt. Sie ist offenbar nicht mehr als ein Wisch Papier, über den man hinweggeht, wenn es opportun erscheint.“ Mit dieser Attacke wurde der Kampf um die Zukunft der Konfessionsschule in dem „schwärzesten“ aller Landesteile eröffnet, in Südwürttemberg-Hohenzollern. Dort gibt es seit 1948 neben 95 Gemeinschaftsschulen 664 katholische und 315 evangelische Konfessionsschulen; die übrigen drei Provinzen des Südweststaates haben die christliche Gemeinschaftsschule.

Dies wäre wohl auch noch lange so geblieben, obwohl in der Landesverfassung von 1952 ausdrücklich verlangt wird, daß durch ein Schulgesetz im ganzen Land die Form der Volksschule unter „Berücksichtigung des Erziehungsrechts“ festgelegt werden soll. Nach den heftigen Angriffen der Opposition im Landtagswahlkampf 1964 aber hatte sich Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger für die neue Legislaturperiode vorgenommen, den Schülern in den bäuerlichen Gebieten zwischen Main und Bodensee eine bessere Schulbildung zu geben. Mit seinem Kultusminister Hahn arbeitete er einen „Schulentwicklungsplan“ aus, der zentral gelegene Nachbarschaftsschulen mit Jahrgangsklassen vorsieht.

Dies war das Alarmzeichen für das Rottenburger Ordinariat. Man legte Hahns Programm als einen Schlachtplan gegen die Konfessionsschule aus und leitete mit einer Flugblattaktion die Gegenoffensive ein. In den Dekanatsbezirken wurden Schulkomitees katholischer Eltern gegründet, Protestversammlungen arrangiert, Entschließungen gefaßt, Briefe an die Landesregierung und an die Politiker geschrieben. Die Leutkircher schossen dabei den Vogel ab: Sie behaupteten, nun würde in der christlichen Gemeinschaftsschule ein religionsloser Lehrer Unterricht in Physik oder Malen geben.

Nach Meinung des Rottenburger Domkapitulars verdient diese Schule nicht das Adjektiv „christlich“, obwohl gerade die Erzdiözese Freiburg seit Jahrzehnten ihren geistlichen Nachwuchs auch aus diesen Schulen gewinnt. Noch ärger ging der geistliche Herr mit den Gemeinschaftsschulen in Nordwürttemberg ins Gericht, die nicht in Übereinstimmung mit der katholischen Kirche eingeführt worden seien. Sie gefährdeten, so hieß es, die christliche Bildung der Schüler und führten zu religiöser Gleichgültigkeit. Daraufhin zogen CDU-Politiker des Stuttgarter Landtags zum Rottenburger Ordinariat. Auch Sozialdemokraten und FDP-Abgeordnete verhandelten mit den Kirchenmännern und versuchten sie davon zu überzeugen, daß bei der Gründung größerer Schulen die einklassigen Konfessionsschulen keinen Platz mehr hätten. Doch alle Mühe war umsonst. Auf den „ideologischen Verdunstungsprozeß“ wartet Kiesinger noch heute. Nicht einmal über die rechtliche Situation konnten sich die Kontrahenten verständigen. Das Ordinariat hat sogar gedroht, notfalls eine Normenkontrolle gegen das Land Baden-Württemberg anzustrengen.

Das Rottenburger Bollwerk scheint uneinnehmbar zu sein. Domkapitular Grossmann gab zu, daß man lieber 800 katholische Kinder im Dekanat Freudenstadt als konfessionelle Minderheit in evangelischen Bekenntnisschulen unterrichten lassen wolle, als „unter Verwischung des kirchlichgebundenen Christentums“ in Gemeinschaftsschulen. „Dieser Notstand wird von uns trotzdem für sinnvoller gehalten.“ Nähme es die Kirche mit dem Erziehungsrecht der Eltern tatsächlich ernst, dann dürfte sie freilich auch nicht damit einverstanden sein, daß bereits in fast zwanzig Orten Südwürttembergs Nachbarschaftsschulen ohne Befragung der Eltern eingeführt wurden, Schulen, die weder Konfessionsnoch Gemeinschaftsschulen sind. Ebensowenig hätte sich die katholische Kirche damit abfinden dürfen, daß in den katholischen Konfessionsschulen dieses Landstriches über 80.evangelische Lehrer unterrichten.

Da indessen das konfessionelle Opportunitätsprinzip in den meisten Orten mit konfessionell gemischter Bevölkerung die evangelischen Kinder benachteiligt, plädierten die evangelischen Elternbeiräte Südwürttembergs für die Gemeinschaftsschule. Sie halten es zum Beispiel für paradox, daß die Elfjährigen der evangelischen Bekenntnisschule in Saulgau als Gäste den Englischunterricht in der katholischen Hauptschule besuchen müssen, dort dann allerdings von einem Lehrer der evangelischen Schule unterrichtet werden.

Es hängt alles von Ministerpräsident Kiesinger ab. Seine Gespräche mit dem Rottenburger Ordinariat verliefen ergebnislos. Auf eine Kraftprobe will er es aber nicht ankommen lassen. So wird auch für die nächste Zeit den meisten evangelischen Kindern in Südwürttemberg die ganzheitliche christliche Erziehung vorenthalten, die das Ordinariat für die katholischen Kinder verteidigt. Ein evangelischer Geistlicher meinte dazu: der Rottenburger Justitiar habe am Ende mit seinem Vorwurf doch nicht so unrecht: „Die Verfassung ist offenbar nicht mehr als ein Wisch Papier.“