Bergedorfer Protokolle, Band 12; R. v. Deckers Verlag, G. Schenck, Hamburg–Berlin; 200 Seiten, 2,90 DM.

Ein schmales rotes Buch, broschiert. Aber angefüllt mit Zündstoff, spannender als die besten Maigrets des Zweiten Deutschen Fernsehens.

Auf Einladung von Dr. Kurt A. Körber (Hauni-Werke, Hamburg-Bergedorf) hatten sich Wissenschaftler verschiedener Bereiche, Ärzte, Vertreter der Arbeitgeber und der Gewerkschaften, Publizisten, Deutsche und Ausländer zu einer Diskussion zusammengefunden.

Das ist nur räumlich zu verstehen, denn es wurde ein Kampf Mann gegen Mann, jeder gegen jeden und viele gegen den Referenten der Tagung: Professor Dr. Alexander Mitscherlich. Professor Hellmut Becker (Max-Planck-Gesellschaft, Berlin) leitete mit großem Geschick das geistige Freistilringen, bei dem – eine neue Variation des Sports – an vergifteten Pfeilen nicht gespart wurde.

Schöner, als Becker es in seinem Schlußwort tat, kann der Verlauf der Diskussion gar nicht beschrieben werden: „Ich darf jetzt wohl klarer, als ich es ganz bewußt zu Anfang getan habe, Herrn Mitscherlich danken ... daß Herr Mitscherlich durch das, was scheinbar im Widerspruch zur strengen Analyse steht, nämlich das, was wiederholt die Moralität seiner Ausführungen genannt worden ist, eigentlich die Brücke geschlagen hat über den Graben, den er durch die analytische Methode zunächst einmal aufgerissen hat.“

Einige der Thesen Mitscherlichs, die durch konsequente Anwendung psychoanalytischer Methoden entstanden sind: ... ein (solches) kollektives Phänomen in der deutschen Gesellschaft besteht zum Beispiel darin, daß sie einen großen Mangel an Einfühlung in andere aufweist... Umgekehrt gelingt es ihr schlecht, ihre Selbstüberschätzung und Selbstidealisierung politisch ungefährlich zu machen ... Die Handlungsanweisungen, die Vorurteile und Tabus geben, sind sehr zwingend, jedoch ohne eine Begründung, die sich nachprüfen ließe ... Man braucht die Weisheit der Väter unserer Verfassung nicht zu bezweifeln, wenn man sieht, daß sie sehr viel autoritäres Denken in unsere Grundgesetze aufgenommen haben. Es wäre weltfremd von ihnen gewesen, mehr liberale Erfahrungsgrundlagen bei uns vorauszusetzen, als nach unserer geschichtlichen Entwicklung angenommen werden konnten ... (Freud: die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie sind unbekannter Herkunft, für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen.)

Mitscherlich weiter: Wir pochen (hier) auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker ... Obgleich wir bis zur bedingungslosen Kapitulation die Lehre von der Herrenrasse und ihrer Sendung vertreten haben, obgleich wir keineswegs in Elsaß-Lothringen einen Volksentscheid herbeigeführt haben, ob sich die Elsässer erneut an Deutschland anzuschließen wünschten ... Nach einem hartnäckigen Kampf für dieses deutsche Herrenrassen-Dogma tritt plötzlich wieder das Tabu der Verletzung des Selbstbestimmungsrecht der Völker hervor ... ein Tabu etabliert sich ...