Stralsund, im Juli

Während Professor Albert Norden am 29. Juni auf der „Internationalen Pressekonferenz“ in Ostberlin nach langatmigen Anklagen und Angriffen gegen die Bundesrepublik, ihre Parteien und Gesetze dem Redneraustausch eine endgültige Absage erteilte, fuhren wir – Stern-Photograph Max Scheler und ich – von Cottbus nach Forst, dicht an der Oder-Neiße-Grenze. Die Pressekonferenz wurde vom Deutschlandsender übertragen. Wir hörten sie im Autoradio.

Das erste Echo auf das Scheitern des Redneraustauschs vernahmen wir während eines mehrstündigen Gesprächs mit Forster Textilfabrikanten, deren kleine Unternehmen noch ganz privat oder mit Minderheiten-Beteiligung des Staates geführt werden. Abends sahen wir zusammen mit Hausangestellten im Fernsehraum des staatlichen Hotels „Lunik“ in Eisenhüttenstadt eine Fernsehübertragung der Pressekonferenz.

Zehn Tage lang hatte ich vorher – auch ohne Begleiter – mit Bürgermeistern und Städteplanern, Arbeitern und Kommunalfunktionären, Bezirksratsmitgliedern und Stadtverordneten, mit der Dresdner Tanz-Altmeisterin Gret Palucca, mit Pädagogen der Leipziger Theaterschule und mit jungen Mädchen aus Großbetrieben gesprochen, mit politisch Interessierten, mit Gleichgültigen und mit resignierten Bürgern des anderen Deutschland. Wir diskutierten in Naumburg und Leipzig, in Dresden und in Meißen, in Brandenburg und Stralsund, in Dörfern und im „Urlaubszentrum“ Bad Schandau.

Unsere Eindrücke und Erfahrungen decken sich nicht ganz mit dem, was während der letzten Wochen in der Bundesrepublik über das angebliche Interesse, über die Erwartungen und die Einstellung der DDR-Bevölkerung zum Redneraustausch zu lesen und zu hören war.

Zunächst stellten wir fest, daß der Redneraustausch in der DDR keineswegs mit der großen Spannung und Neugier erwartet wurde, wie man in Westdeutschland annahm. Gerade im Südosten und Osten der DDR, wo keine westlichen Fernsehsendungen empfangen werden können (aus technischen Gründen, denn verboten ist der Empfang ja nirgends), waren die geplanten Treffen von Chemnitz und Hannover keineswegs beherrschender Diskussionsstoff oder gar Tagesgespräch.

Seit dem Tag, an dem in Bonn der Entwurf eines Gesetzes für freies Geleit der SED-Redner mit Beteiligung der SPD formuliert, vorgelegt und dann verabschiedet wurde, war jedem politisch aufmerksamen Bürger der DDR klar, daß es nicht zu den Begegnungen kommen würde. Die Bevölkerung war enttäuscht, aber keineswegs überrascht, als Professor Norden den agitatorischen Schlußstrich unter den Redneraustausch zog. Wer aber nun in Bonn annimmt, die Bürger des SED-Staates suchten die Schuld am Scheitern des Vorhabens vor allem bei ihrer Regierung, der irrt gewaltig. In ihrem eigenen Staat hat die SED keineswegs schlecht abgeschnitten, was auch immer bundesdeutsche Politiker und Kommentatoren von sich gegeben haben.