Die jüngste „Weltsensation: Krebs ist erkannt!“ verbreitete Deutschlands meistgekaufte Zeitung in unübersehbaren Vierzentimeter-Lettern. Andere Blätter beteuerten ebenso auffällig, endlich sei die „Ursache des Krebses gefunden“ und seine „Verhütung jetzt ohne weiteres möglich“.

Woher wehte so plötzlich dieser Schlagzeilenwind? Professor Otto Heinrich Warburg (82) verlas beim Nobelpreisträger-Treffen zu Lindau einen Vortrag über die Krebsentstehung. Er verlas ihn nicht zum erstenmal. Gewiß waren Warburgs Erkenntnisse vor Jahren einmal wichtig für die Krebsforschung. Gewiß hört man auch heute des Nestors Resümee noch mit gebührendem Respekt. Seine Worte waren aber beileibe nicht dazu angetan, neue Hoffnungen zu wecken. Das vermochten sie nur in ungeschulten Reporter-Ohren, die überhört haben, daß der Applaus eines Auditoriums der Persönlichkeit eines verdienten Forschers mitunter mehr Reverenz erweist als dem Inhalt seiner Ausführungen.

Warburgs These – der Nobelpreisträger vertritt sie seit einigen Jahren – lautet: Eine Zelle, die nicht genug Sauerstoff erhält, stellt ihren Stoffwechsel von der Atmung auf Gärung um. Und eine gärende Zelle ist eine Krebszelle. In der Fachwelt hatte diese Theorie seinerzeit große Beachtung gefunden, aber inzwischen haben sich die Krebsforscher längst davon überzeugt, daß es so einfach leider nicht ist. Eine einzige Ursache für die etwa 120 verschiedenen Arten von Krebs gibt es wohl nicht.

Daß eine ganze Reihe Faktoren Krebs auslösen, ist nicht neu. Die Wissenschaft kennt einen Teer- und Paraffin-Krebs bei Braunkohlen- und Paraffin-Arbeitern schon seit 1875 und den Ruß-Krebs bei Schornsteinfegern seit 1873. Ebenso gut weiß man, daß Zigarettenrauchen Lungenkrebs verursachen kann. Bestimmte Verhütungsmaßnahmen sind altbekannt: man meide den näheren Umgang mit derlei gefährlichem Zeugs.

Allerdings bleibt jedes Verhütenwollen bösartiger Geschwülste nach wie vor problematisch: Wir wissen nämlich einerseits, daß krebsauslösende Faktoren immer nur Einzelne treffen und andererseits Mitmenschen an Krebs sterben, die solchen Faktoren gar nicht ausgesetzt waren.

„Krebs“ in dicken Zeitungsschlagzeilen erweckt meistens unerfüllbare Hoffnungen. Oder Angstgefühle deshalb, weil eine „bedrohliche Zunahme der Krebskrankheiten“ immer wieder behauptet und das Leiden als „unheilbar“ hingestellt wird. Beides ist falsch.

Seltsamerweise verbreiten selbst Wissenschaftler unbedachte Argumente wie „Um die Jahrhundertwende starb nur jeder dreißigste, und heute stirbt schon jeder fünfte Mensch an Krebs“. Das stimmt, aber daraus kann man nicht schließen, der Krebs habe zugenommen. Schließlich muß man ja an irgend etwas sterben. Wenn es der modernen Medizin gelang, Seuchen und andere Leiden als Todesursachen auszuschalten, die junge Leute früher schon dahinrafften, ehe sie überhaupt ihren Krebs haben konnten, dann sterben jetzt naturgemäß mehr Menschen an Krebs als noch vor 60 Jahren. Zugenommen hat also das Sterben an Krebs, nicht aber die Chance, an Krebs zu erkranken – mit einer Ausnahme: Lungenkrebs.

Ein Drittel aller Krebskranken wird heute geheilt, und ein weiteres Drittel könnte gerettet werden, wenn jeder Gefährdete schon bei den ersten Alarmzeichen (Anomale Blutungen aus Körperöffnungen – Anhaltender Reizhusten oder Heiserkeit – Hartnäckige Hautgeschwüre – Knoten in der Brust – Unerklärliche Gewichtsverluste und anderes mehr) sofort zum Arzt gehen würde. Georg Schreiber