Das Problem Sicherheit im Kraftfahrzeug war bisher eine rein technische Frage. In den letzten Jahren hat es aber auch im wirtschaftlichen Bereich erhebliche Bedeutung erlangt, zurückzuführen auf die wachsende Fahrzeugdichte in den hochindustriellen Ländern, eine Folge aber auch des Wohlstandes, in dem die persönliche Sicherheit verständlicherweise immer höher bewertet wird. Bis vor gar nicht langer Zeit galt es in Kreisen der Kraftfahrzeughersteller als suspekt, wenn sie gefragt wurden: „Und wie verhält sich Ihr Fahrzeug im Falle eines Unfalls?“ Wer Personenkraftwagen verkaufen wollte, vermied das Unfallthema.

In Jugoslawien noch, wo die Daimler-Benz AG, Stuttgart, viel Mühe darauf verwandte, die „Sicherheit“ unter dem guten Stern zu preisen, stieß sie auf völlige Verständnislosigkeit. Dort war man fasziniert von den Modellen, nach Sicherheit fragte niemand.

Auf der letzten Frankfurter Automobil-Ausstellung war das völlig anders. Der deutsche Kraftfahrer kennt die Folgen der Straßenunfälle aus eigener Anschauung; er weiß, daß der Besitz eines eigenen Wagens keine reine Freude ist, er will jetzt wissen, was die Konstrukteure für seine Sicherheit tun. Daimler hat in aller Stille jahrelange Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Kfz-Sicherheit durchgeführt und dafür Millionenbeträge ausgegeben. Jetzt, da von den USA ausgehend, Sicherheit zu einem wesentlichen Verkaufsargument zu werden verspricht, scheint sich diese Arbeit – vielleicht früher als erwartet – auch in Heller und Pfennig auszuzahlen.

Vorstandsmitglied Dr. Hans Scherenberg, der Nachfolger von Professor Dr. Fritz Nallinger, der am Jahresende 1965 ausgeschieden ist, versicherte in Stuttgart, daß die gewonnenen Erkenntnisse bei der Entwicklung und Konstruktion in den laufenden Fahrzeugen bereits berücksichtigt worden sind. Das wird sich besonders im Export nach den USA auszahlen, wo künftig für die Sicherheit bestimmte Mindestforderungen erfüllt sein müssen. 13,3 Prozent des Exportumsatzes von 1,7 Milliarden Mark entfallen bei Daimler auf die USA. Anfang 1965 hat Daimler die Verkaufs- und Kundendienstorganisation dort in eigene Regie übernommen und bereits im ersten Jahr nach der Umorganisation einen Verkaufszuwachs von 7,3 Prozent erzielt. In den ersten fünf Monaten des neuen Jahres betrug die Steigerungsrate bereits mehr als 50 Prozent.

Das Problem der Beseitigung giftiger Abgase ist auch bei Daimler technisch gelöst. Sobald entsprechende Anlagen in den USA obligatorisch werden, stattet das Werk sämtliche Fahrzeuge serienmäßig damit aus. Gewisse Schwierigkeiten scheinen noch in der Haltbarkeit der Anlagen zu bestehen, von denen in den USA verlangt wird, daß sie eine Betriebsdauer von 80 000 Straßenkilometer haben. Eine etwas unverständliche Forderung, denn schließlich werden ja auch andere Teile eines Fahrzeuges früher erneuert.

Die Aktionäre der Daimler-Benz AG können beruhigt sein: Die verschärften Sicherheitsvorschriften der USA werden den Mercedes-Export nicht in Verlegenheit bringen. Auch sonst sollten sie zuversichtlich in die Zukunft sehen, auch wenn das Geschäftsjahr 1965 eine Gewinnverminderung gebracht hat, obwohl die vorhandenen Kapazitäten stets voll ausgelastet waren. Einmal haben die bei allen deutschen Industrieunternehmungen zu beobachtenden Kostensteigerungen (bei verschärftem Wettbewerb auf dem Gebiet der Nutzfahrzeuge) die Ertragsmarge verringert, zum anderen wirkten sich Faktoren aus, die mit den innerbetrieblichen Umstellungen zusammenhängen. Daimler hat 1965 sein Programm vollständig umgestellt. Außerdem wurden neue, moderne Anlagen in Betrieb genommen, um die Voraussetzung für eine rationelle Fertigung zu schaffen.

Doch trotz der modernen Bandstraßen für die Pkw-Montage wird der Mercedes noch zu einem großen Teil „Hand- und Kopfarbeit bleiben. Immerhin umfaßt das derzeitige Produktionsprogramm 15 Typen, von den 4-Zylinder- über die 6-Zylinder-Typen bis zum Mercedes 600. Die Fahrzeuge werden in 35 Farben und einer beliebigen Zahl von 2-Farben-Kombinationen geliefert. Dazu kommen etwa 275 verschiedene Ausstattungen und nahezu 600 Sonderausführungen. Diese Vielfalt gehört zur Stärke des Unternehmens; sie muß bleiben, wenn auch eine Beschränkung sicherlich zu einer noch rationelleren Arbeitsweise führen würde.