Vorzüglich haben die Deutschen dieses Jahr auf der Biennale abgeschnitten. Im international belobten Deutschen Pavillon hatte Eduard Trier die von ihm ausgewählten Künstler Horst Antes, Günter Haese und Günter Ferdinand Ris geschickt in Szene gesetzt (siehe ZEIT Nr. 27 vom 1. Juli). Wir möchten die Künstler, die alle drei einen Preis gewannen, heute und in den nächsten beiden Wochen unseren Lesern vorstellen.

Einstimmig soll sich die sehr sachverständige Jury, so erzählt man, als es um die Verteilung des neugestifteten Unesco-Preises ging, für Antes entschieden haben. Es ist der siebente Preis, den Horst Antes in den sieben Jahren seit seinem öffentlichen Debüt davongetragen hat, ein stolzer Rekord,

Sein Glück war es, daß er zur rechten Zeit in die Arena trat. Antes war gerade dreiundzwanzig, hatte das Studium an der Karlsruher Akademie abgeschlossen bei seinem hervorragenden Lehrer HAP Grieshaber, dem er nicht nur Technisch-Künstlerisches verdankt, sondern das Beispiel nonkonformistischer Haltung. Man muß sich an die Situation von 1959 erinnern: Tachismus und Informel hatten sich leergelaufen, waren überlebt, Lethargie breitete sich aus, und solche Periode genereller Erschlaffung und Ermüdung schafft eine ideale Ausgangsposition für einen Künstler, der eine eigene Konzeption oder einfach ein Gefühl dafür besitzt, was in der Luft liegt.

Antes ist damals keineswegs als Revolutionär in Erscheinung getreten. Was ihn aus dem Gros heraushob (und sogleich mit einem Kunstpreis honoriert wurde), war sein ganz unbestrittenes ungestümes malerisches Temperament, eineeher barbarische als kultivierte Farbigkeit, die aggressiv und rücksichtslos in heftigen Dissonanzen schwelgte, und es war ein zweites überraschendes Moment seiner ersten Bilder, daß nämlich diese vehementen Farbexplosionen sich, nicht als Action Painting auf der Bildfläche ereigneten, vielmehr den Ansatz zu einer noch unartikulierten, verschwommenen Figuration erkennen ließen.

Antes hat das frühe Stadium einer tastenden Figuration rasch überwunden und eine konkrete Figur entwickelt,die bald isoliert, bald paarweise, als männliche und weibliche Spezies, bald als Familie auftritt, eine Figur, die der Maler seit Jahr und Tag nicht müde wird zu repetieren. Die Antes-Figur ist einprägsam, hart konturiert, plastisch gewölbt, ist unverwechselbar, gibt sich aus tausend Figurationen auf den ersten Blick zu erkennen, erregt Abscheu, Heiterkeit und Entsetzen, ist in mythischer Vorzeit und, mit modischem Hut, mit Spielkarten und Autoteilen angereichert, ebenso in der Gegenwart zu Hause. Die Antes-Figur ist auch ein kunstpsychologisches Phänomen, das dem Betrachter selten so extrem und so rätselhaft entgegentritt: Der Maler erfindet eine Figur, die, kaum daß er sie erfunden hat, total von ihm Besitz ergreift, ihn beherrscht und behext. Es geht dem Maler Antes wie dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht wieder los wird. Darin sehe ich sein Problem, das spezielle Antes-Problem, ob und wie sich dieser außerordentlich begabte Maler von der selbsterschaffenen Chimäre befreien kann.

Die Antes-Figur ist ein menschenähnliches Wesen, dem die Hierarchie der Körperteile durcheinandergeraten ist, das die menschliche Proportion und Dimension verloren hat. Ein Riesenzwerg, zur Hälfte Kopf, zur Hälfte Beine, nackt, bis auf die gelegentliche Kopfbedeckung, mit Rüsselnase, mit Doppelauge, mit plumpen Gliedern, groben, vierfingrigen Händen, ein aufgeblasener Muskelmann, zähnebleckend, der überall anstößt und aneckt, dem der Bildraum zu eng ist, überladen mit Requisiten, die sinnlos umherstehen, die der Gnom abtastet, deren er sich erfolglos zu vergewissern bestrebt ist.

Noch verwickelter, noch makabrer und grotesker wird der Bildvorgang, wenn der Gnom seinem weiblichen Ebenbild begegnet, wenn die Mißgestalten sich vereinen und verklammern oder sich voneinander lösen. Zerrbilder oder existentielle Sinnbilder, Tortur zwischenmenschlicher Spannungen und Verrenkungen, der Mensch im Käfig, mit Leidenschaften, die keinen Raum finden können. Überblickt man die Bilder, die im Deutschen Pavillon massiert dargeboten werden, lassen sich leichte Abwandlungen, eine Entwicklungslinie konstatieren. Was ursprünglich tragisch konzipiert war, gewinnt burleske Züge: Antes war als Stipendiat in Rom und Florenz. Italien hat die Dämonen nicht verscheucht, aber sie aufgeheitert. Antes selber hält es für geraten, seine Figur primär als „Kunstfigur“ zu betrachten. Unter diesem formalen Aspekt hat sie eine bedeutende künstlerische Ahnenreihe. Beckmann, Léger, Picasso wären zu nennen, auch HAP Grieshaber.